Berlins ältester Fan : Alter Onkel Hertha
27.07.2012 19:36 UhrDies ist eine Geschichte über würdevolles Altern. Es geht um eine Dame, die immer elf Männer um sich hatte und in ihrem Leben schon zwei große Kriege überstanden und zwei bleibende Siege errungen hat. Und um einen Mann, der immerhin die dritte Ehefrau um sich herum hat; in diesem Jahr feiern sie silberne Hochzeit.
Die Dame, um die es geht, ist in dieser Woche 120 Jahre alt geworden, darum macht sie diesen Samstagnachmittag richtig einen drauf und hat dazu die halbe Stadt eingeladen. Sie ist mit der Zeit etwas zickig geworden (besonders wenn sie mal ein schlechtes Jahr hat), aber eigentlich hat sie sich kaum verändert, die alte Tante.
Hertha heißt sie und ist immer so geblieben, wie ihr spröder Name es verheißt und wie es insbesondere Berliner Männer lieben: ein bisschen kantig, ein bisschen tantig, aber immer graderaus.
Der Mann, um den es hier geht, verehrt diese Dame schon sein ganzes Leben lang, er hat Herthas Männer kommen und gehen sehen – vor allem gehen. Heinz ist 95 Jahre alt. Er sitzt in seinem Rollstuhl im Pflegeheim und isst gerade ein Stück Apfelkuchen.
Opa Heinz ist der älteste Fan von Tante Hertha. Die beiden lassen es inzwischen langsamer angehen. Heinz hat’s mit den Ohren, auch das Sprechen fällt ihm nicht mehr leicht. Hertha zieht es derzeit eher in den Beinen.
Bildergalerie: Große Momente aus Herthas Vereinsgeschichte
Zur Wahrheit dieser Geschichte gehört: Hertha hat einen komischen Nachnamen: BSC. Und sie ist gar keine richtige Frau. Sie ist ein Fußballklub, Berlins bekanntester immerhin, Berlins erfolgreichster auch (wenn man mal die zehn DDR-Titel des BFC Dynamo weglässt; Hertha hat nur zwei gewonnen, noch vor dem Zweiten Weltkrieg war das, aber es waren gesamtdeutsche Meisterschaften), immerhin. Nun spielt Hertha, die launige Nudel, mal wieder in der Zweiten Liga. Immerhin? „Dann müssen sie sich eben anstrengen und wieder aufsteigen“, sagt Heinz, während er sich anstrengt und seinen Rücken aufrecht in den Rollstuhl drückt.
Seine Augen sind ein wenig rot unterlaufen, aber die braunen Pupillen schwirren unablässig in seinem Wohn- und Schlafraum hin und her. Hier sitzt er an einem Tisch, auf dem ein kleiner Hertha-Maskottchenbär steht, nun fällt sein Blick auf das Mannschaftsplakat, das seinem Bett gegenüber an der Wand hängt (mit einem Trainer namens Markus Babbel), daneben baumelt der Wimpel „für langjährige Treue“, den ihm Tante Hertha mal geschenkt hat. Seine Hand trommelt leicht auf dem Tisch. „Anstrengen!“, sagt Heinz noch mal. Einer wie er hat das Jammern nicht erfunden.


















