Sport : Hertha gefährdet ihre Gesundheit

Huub Stevens hat Grippe, Dieter Hoeneß ist auch schon ganz blass im Gesicht – aber die Mannschaft soll gegen Schalke Stärke zeigen

Stefan Hermanns

Berlin. Huub Stevens hatte sich den Reißverschluss seines Trainingsanzugs bis unter das Kinn hochgezogen. Seine Augen schauten ins Nichts, und seine Stimme knatterte wie eine rostige Fahrradkette. „Mir geht’s nicht gut“, sagte der Trainer von Hertha BSC. Am Donnerstag hatte er mit Grippe im Bett gelegen, am Freitag quälte er sich zur Pressekonferenz, doch anschließend leitete er schon wieder das Training des Berliner Fußball-Bundesligisten. Hertha BSC geht es nicht gut zurzeit, und wer das immer noch nicht glaubt, muss sich nur die leitenden Personen des Klubs ansehen. Dieter Hoeneß, der Manager, sieht im Moment sogar noch blasser aus als der kränkelnde Cheftrainer.

Es war keine gute Woche für den Berliner Bundesligisten. Am Sonntagabend verlor die Mannschaft 2:4 in Kaiserslautern, am Montag musste sich Manager Hoeneß bei der Mitgliederversammlung erstmals heftige Kritik an der eigenen Person anhören, und an eben diesem Abend hat Hoeneß den Verbleib in der Bundesliga zum neuen offiziellen Saisonziel ausgerufen. Im Sommer wollten die Spieler noch in die Champions League.

Die Gegenwart ist grau in Berlin. Wenn Hertha am Sonntag (17.30 Uhr) im Olympiastadion gegen Schalke 04 spielt, geht es für den Verein vor allem darum, dass es bis zur Winterpause nicht noch schlimmer kommt. Bei einer Niederlage droht der Sturz auf einen Abstiegsplatz, und in der Woche darauf spielen die Berliner dann zuerst im DFB-Pokal bei Werder Bremen und dann am Wochenende im Westfalenstadion gegen Borussia Dortmund.

„Ich bin dabei“, sagt Huub Stevens. Herthas Trainer wird gegen Schalke auf der Bank sitzen, egal wie es ihm am Sonntag gesundheitlich gehen wird. Solche Sätze sagt Stevens am liebsten, weil sie das Bild stützen, dass er ein Kämpfer ist. Gerade solche Typen brauchen sie im Moment bei Hertha BSC. Manager Hoeneß sagt, dass die Spieler mit sich selbst klären müssten, „was gefordert ist im Abstiegskampf“. Gegen Schalke erwartet er eine Mannschaft mit „Aggressivität, Siegeswillen und dem notwendigen Selbstvertrauen“.

Das sagt sich so leicht. Wo aber soll Hertha nach all den unerfreulichen Erfahrungen in dieser Saison das Selbstvertrauen hernehmen? Hoeneß selbst sagt, dass die Enttäuschung bei den Spielern in den ersten beiden Tagen nach der Niederlage in Kaiserslautern deutlich zu spüren war. Danach aber, so hat Stevens festgestellt, hätten die Spieler im Training die richtige Antwort gegeben.

Manager Hoeneß sagt, die Mannschaft müsse den Schalkern von der ersten Minute an zeigen, „dass hier nichts zu holen ist“. Hertha aber befindet sich längst in einer Situation, in der sich das Geschehen nicht mehr nur rational steuern lässt. Dass im Abstiegskampf auch andere Faktoren eine Rolle spielen, haben in der vergangenen Saison die Leverkusener zu spüren bekommen. Die hatten weitaus bessere Spieler in ihrem Kader als die meisten anderen Bundesligisten, und trotzdem retteten sie sich nur mit großer Mühe vor dem Abstieg. Inzwischen gilt Bayers Absturz als eindringliche Warnung an alle ambitionierten und doch erfolglosen Bundesligisten. Welche Lehren aus dem Fall Leverkusen zu ziehen sind, weiß jedoch niemand. Dass Hertha sich nun offen zum Abstiegskampf bekennt, heißt noch nicht, dass Hertha diesen Kampf gewinnen wird.

Der Gegner vom Sonntag hat zudem im Moment ähnliche Probleme wie die Berliner. In der Bundesliga humpelt Schalke den eigenen Ansprüchen weit hinterher, im Uefa- Cup ist die Mannschaft am Donnerstag in Kopenhagen ebenso ausgeschieden wie zuvor im DFB-Pokal. „Wir müssen jetzt in der Bundesliga Gras fressen“, sagt Schalkes Torhüter Frank Rost. Solche Sprüche kennen sie inzwischen auch in Berlin bestens.

Herthas Vorteil könnte sein, dass die Schalker noch am Donnerstag 120 Minuten im Uefa-Cup spielen mussten und dann im Elfmeterschießen ausgeschieden sind. Huub Stevens glaubt, „dass das nicht positiv ist. Wenn man durchkommt, verkraftet man diese Belastung besser.“ Mag sein. Aber seine Mannschaft hat zuletzt auch nicht besonders viele beflügelnde Erfolgserlebnisse gehabt.

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