Hertha gegen Leverkusen : Kampf der Kulturen

Rausch gegen Effizienz: Das Spiel Hertha BSC gegen Bayer Leverkusen ist das Duell zweier unterschiedlicher Fußballstile.

Sven Goldmann,Stefan Hermanns
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Rausch gegen Effizienz: Das Spiel Hertha BSC gegen Bayer Leverkusen ist das Duell zweier unterschiedlicher Fußballstile.Foto: dpa

Manchmal ist Lucien Favre seiner Zeit weit voraus. Manchmal antwortet er auf Fragen, die noch nicht gestellt sind. Einfach auf Verdacht. Vielleicht ist das auch eine Form der Antizipation. Jetzt aber fällt ihm nichts ein. Favre lächelt. Er öffnet den Mund, aber es kommt kein Laut heraus. Favre streicht sich übers Haar. Er schnaubt einmal durch die Nase, lächelt noch einmal, breitet die Arme aus. Herr Favre, woher kommt die Effizienz Ihrer Mannschaft?, ist er gefragt worden. Herr Favre antwortet nicht.

Vielleicht kann man Herthas Effizienz wirklich nicht erklären. Man muss sie beschreiben. Oder abgrenzen, gegen Bayer Leverkusen zum Beispiel, Herthas heutigen Gegner.

Am vergangenen Wochenende hatten es beide Mannschaften in der Fußball- Bundesliga mit Abstiegskandidaten zu tun, die Berliner gewannen 3:1 in Cottbus, Leverkusen spielte vor eigenem Publikum gegen Bochum. 70 Prozent Ballbesitz, 31 Schüsse aufs Tor, acht klare Torchancen: Alle Daten sprachen für Bayer, am Ende aber reichte es nur zu einem 1:1. Kurz vor Schluss scheiterte Bayers Innenverteidiger Henrique erst mit einem Kopfball an Bochums Torhüter Fernandes, der Ball prallte ihm noch einmal vor die Füße. Fünf Meter vor dem Tor, der gegnerische Torhüter am Boden, Henrique schoss – und Fernandes parierte. Die Berliner hätten das Spiel gegen den VfL vermutlich 2:1 gewonnen.

„Es gibt nicht viele Mannschaften, die gegen Bochum in der momentanen Verfassung acht hundertprozentige Torchancen rausspielen“, sagt Bayers Trainer Bruno Labbadia. Das stimmt. Aber es gibt vermutlich auch nicht viele Mannschaften, die aus acht hundertprozentigen Torchancen nur ein Tor machen.

Beim Spiel im Olympiastadion treffen heute auch zwei Welten aufeinander. Verspieltheit gegen Effizienz, Enthusiasmus gegen Nüchternheit, Rausch gegen Abgeklärtheit. Die Leverkusener spielen den vielleicht aufregendsten Fußball der Liga, an guten Tagen auch den schönsten, aber selbst an diesen Tagen verschwimmen schon mal die Grenzen zwischen dem, was manche für schön halten und andere für brotlos. Zum Beispiel vor zehn Tagen, beim 4:2 im DFB-Pokal gegen Bayern München. Leverkusen prägte das Spiel mit spektakulären Angriffsfußball, aber weil das Renato Augusto nicht genug war, machte sich der Brasilianer einen Spaß daraus, den Ball so oft wie möglich durch die Beine eines Münchners zu schieben. Bei Lucien Favre hätte Renato Augusto am nächsten Tag wahrscheinlich Strafrunden laufen müssen. Keine Mannschaft der Welt lässt sich gern provozieren, und entsprechend wütend reagierten die Münchner. Jedenfalls gaben sie sich auch bei einem 0:3-Rückstand Mitte der zweiten Halbzeit längst noch nicht geschlagen und schafften schnell den 2:3-Anschluss. Es hätte nicht viel gefehlt, und das Spiel wäre noch gekippt, und am nächsten Tag hätte niemand von Leverkusener Fußballkunst geschwärmt, sondern jeder Dummheit und Unreife gegeißelt.

Auch diese Launen innerhalb eines Spiels meint der frühere Leverkusener Andrej Woronin, wenn er davon spricht, dass „Leverkusen die Konstanz fehlt“. Umgekehrt sei Hertha im Augenblick „die einzige Mannschaft in der Bundesliga, die diese Konstanz hat“. In Cottbus etwa ließen sich die Berliner auch nach dem den 0:1-Rückstand nicht aus der Ruhe bringen. „In der letzten Saison hätten wir dieses Spiel wahrscheinlich 0:4 verloren“, sagt Herthas Kapitän Arne Friedrich. Im Frühjahr 2009 aber ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten so stark wie der Glaube an die Effizienz des Systems, dass Hertha selbst ein 0:2 nicht aus der Bahn geworfen hätte. „Auch in diesem Fall wäre die Mannschaft wahrscheinlich noch einmal zurück gekommen“, glaubt Manager Dieter Hoeneß. Trainer Favre formuliert es so: „Wir müssen kontinuierlich beweisen, dass wir besser sind.“ Nicht nur von Spiel zu Spiel, sondern auch innerhalb eines Spiels von einer Minute zur nächsten.

Spricht also das Argument des rationalen Stils für den zehnten Berliner Heimsieg hintereinander? So einfach will es sich bei Hertha niemand machen. Lucien Favre hält Bayer für „eine super Mannschaft“, für Andrej Woronin ist sie immer noch die spielstärkste der Liga. Und wie stark die Leverkusener auch über 90 Minuten spielen können und das sogar im fremden Stadion, das zeigten sie vor vier Wochen beim damals zu Hause noch ungeschlagenen Spitzenreiter Hoffenheim. Bayer siegte 4:1, und nicht nur der zweimalige Torschütze Patrick Helmes fand damals, „dass Hoffenheim sich auch über fünf, sechs Gegentore nicht hätte beschweren können“. Der Nationalspieler Helmes ist so etwas wie das Hertha-Element im Leverkusener Spiel. Einer, der sich nicht aufhält mit Zaubertricks, sondern zielorientiert arbeitet. Am besten ist er, wenn er den Ball nur einmal berührt und mit Urgewalt ins Tor drischt. Auf diese Weise hat Helmes in seiner ersten Saison für Bayer schon 17 Tore erzielt. „Der trifft alles, was es zu treffen gibt“, sagt Woronin. Patrick Helmes liegt in der Bundesliga-Schützenliste nur noch einen Treffer hinter dem verletzten Hoffenheimer Vedad Ibisevic. Der beste Torschütze in der Rückrunde aber heißt: Andrej Woronin.

Hertha setzt dem jugendlichen Enthusiasmus nüchterne Effizienz entgegen. Niemand verkörpert diese Qualität im Moment besser als Woronin. Beim Sieg gegen die Bayern vor vier Wochen brauchte er für seine beiden Tore genau zwei Torschüsse, in Cottbus war seine Quote mit drei aus vier nur unwesentlich schlechter. Überhaupt hat Hertha in der gesamten Liga die beste Chancenverwertung. Aus jeder dritten Möglichkeit machen die Berliner ein Tor, und zehn von vierzehn Spielen haben sie mit einem Tor Unterschied gewonnen. Die verspielten Leverkusener hingegen waren bei sechs ihrer acht Niederlagen jeweils ein Tor schlechter als der Gegner. Wen interessiert nach solchen Spielen schon die B-Note für den künstlerischen Eindruck? Zum Beispiel beim 0:1 im Hinspiel gegen Hertha, als nur Leverkusen spielte und die Berliner eine einzige Torchance hatten. Andrej Woronin, wer sonst, verwertete sie kurz vor Schluss zum Sieg.

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