Hertha-Historie : Im Anzug auf Gaslaternen

Am 15. Juni 1931 sperrt die Polizei den Bahnhof Friedrichstraße weiträumig ab, Tausende erwarten die Mannschaft von Hertha BSC und rufen: „Ha, Ho, He!“ Erinnerung an eine Meisterfeier, aus aktuellem Anlass.

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Ein begeisterter Fan drückt Hanne Sobek einen Blumenstrauß in die Hand. -Foto: dpa

Es ist der 15. Juni 1931, kurz vor halb sieben. Am Bahnhof Friedrichstraße wird der D-Zug aus Köln erwartet. Tausende warten auf dem Fernbahnsteig, aber keiner von ihnen will einsteigen, es geht ja auch nur noch ein kurzes Stück weiter bis zur Endstation am Schlesischen Bahnhof (der heute Ostbahnhof heißt). Längst hat die Polizei den Bahnhof weiträumig abgesperrt, aber die Masse lässt sich nicht bändigen. Draußen stehen sie zwischen den Droschken und Straßenbahnen, sie sind auf Gaslaternen und Straßenschilder geklettert. „Ha, Ho, He!“, rufen die Herrschaften, heute würde man sie Fans nennen. Sie tragen Sonntagsanzug und Schlips, sie haben sich reichlich Pomade ins Haar geschmiert, und immer wieder rufen sie: „Ha, Ho, He! Hertha BSC!“

So war das damals, vor bald 78 Jahren, als der „Berliner Sport-Club Hertha“ zum zweiten und bisher letzten Mal in seiner 117-jährigen Vereinsgeschichte den Titel gewann. Am Vortag haben die Berliner im Finale von Köln den TSV 1860 München 3:2 besiegt, das Siegtor fiel in der letzten Minute, späte Tore waren schon damals eine Berliner Spezialität. „Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße und später in der Brunnenstraße reichten nicht aus, alle winkenden Menschen fassen zu können“, hat Herthas Mittelstürmer Bruno „Tute“ Lehmann später erzählt. Und auf dem Weg zum Bankett „konnten wir uns einen Weg vom Wagen zum Eingang bahnen. Der Hintergrund der Bühne, grell angestrahlt, glich einem Meer mit heranbrausenden Wellen. Davor aufgebaut ein Sender, der ebenfalls die Worte ,Ha, Ho, he! Hertha BSC! – Deutscher Fußballmeister’ fortwährend rotieren ließ.“

Aus gegebenem Anlass darf an solche Szenen ruhig erinnert werden. Heute rufen die Fans (die damals noch niemand so genannt hat): „Hey, das geht ab! Wir holen die Meisterschaft!“ Hertha BSC ist so nah dran am Titel wie nie zuvor seit 1931. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat die Mannschaft für den Fall der Fälle schon mal auf den Balkon des Roten Rathauses eingeladen.

Aber wer bei Hertha weiß schon, wie man so etwas feiert, eine deutsche Meisterschaft?

Nur 95 von 16 000 Vereinsmitgliedern sind Jahrgang 1931 und älter; der älteste ist 1917 geboren. Vielleicht kann er sich noch daran erinnern, wie es an diesem 15. Juni 1931 zugegangen ist. Das Rote Rathaus ist für Hertha damals kein Thema. Der Verein ist im roten Wedding zu Hause, und selbstverständlich wird dort auch gefeiert. Der Weg vom Bahnhof Friedrichstraße ist nicht weit. Der Kapitän steigt als Erster aus dem Zug. Johannes Sobek, den alle nur „Hanne“ nennen, ist der erste Fußballspieler, der den Übergang in die feine Gesellschaft geschafft hat. Am Stammtisch sitzt er mit Hans Albers und Joachim Ringelnatz. Er tritt in Kinofilmen auf und geht im Sportpalast dem Artisten Enrico Rastelli zur Hand. An diesem 15. Juni 1931 ist er mal wieder der Hauptdarsteller. Im Endspiel hat er zwei Tore geschossen und das dritte vorbereitet.

Und doch ist er nach dem Triumph von Köln ein bisschen traurig. Der Trainer der unterlegenen Münchner hat ihm nach dem Spiel vor die Füße gespuckt, und das trifft Sobek mehr als manches Gegentor. Beim abendlichen Bankett in den Kölner Rheinterrassen sitzt er betrübt an seinem Tisch, doch die Ankunft in Berlin macht alles wieder gut. Einer drückt Sobek einen Blumenstrauß in die Hand, andere tragen ihn auf ihren Schultern nach draußen. Kellner winken aus den Hotels am Bahnhofsvorplatz. Ein Zeppelin dreht eine Runde über dem Bahnhof. Was für ein Empfang!

Die Hertha-Spieler steigen in den Omnibus, vorneweg fährt die Schutzpolizei, doch die ist machtlos gegen die Masse der Fans. Kleine Jungs klettern auf das Dach, sie legen sich auf den Bauch und gucken hinein zu ihren Idolen. Im Schritttempo rollt die Kolonne über die Weidendammer Brücke zur Chausseestraße. Mittlerweile ist der Zug einen Kilometer lang. Die Fans überrennen die Polizeisperre, an der Johannisstraße reihen sich spontan zwei Musikkapellen ein und marschieren mit.

Im Schritttempo geht es weiter bis zum Gesundbrunnen. Dort liegt das schönste und gefürchtete Stadion der Stadt, die „Plumpe“, eingequetscht zwischen Reichsbahn, Behmstraße und Millionenbrücke. Die Stehtribünen hinter den Toren tragen die mystischen Namen Zauberberg und Uhrenberg. Auch im proletarischen Wedding kommen die Zuschauer mit Hut und Anzug, und der elegante Sobek ist ihr Idol.

Die Plumpe wurde 1974 abgerissen, drei Jahre nach der riesigen Lichtburg, einem gewaltigen Festsaal mit Kino und Gaststätte. Hier, auf der anderen Seite der Behmstraße, hat sich Hertha für den großen Abend eingemietet. Hanne Sobek wohnt gleich nebenan, in der Gartenstadt Atlantic. Seiner späteren Frau gehört die Gaststätte in der Lichtburg. So manchen Skat hat er hier gedroschen. Doch an diesem Abend, an diesem letzten großen Festtag seines Vereins, muss er gleich wieder weg. Er stellt die Sporttasche nur kurz in der Wohnung ab, packt frische Wäsche ein und fährt gleich zurück zum Bahnhof Friedrichstraße, zum Hotel Russischer Hof, wo sich die Nationalmannschaft trifft. Hanne Sobek geht auf große Nordlandreise, in Stockholm gegen Schweden (0:0) und in Oslo gegen Norwegen (2:2) wird er die letzten beiden seiner zehn Länderspiele machen.

Hanne Sobek hat später noch als Mittvierziger für Hertha gespielt, er war Trainer und Notvorstand, aber so groß wie zu seinen Zeiten ist Hertha BSC seitdem nicht mehr gewesen. Vier Jahre nach seinem Tod hat es der Verein dann doch auf den Balkon des Roten Rathauses geschafft. Das war im Juni 1993, eine Belohnung für die 0:1-Niederlage von Herthas zweiter Mannschaft im DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen. Beim Empfang des Regierenden Bürgermeisters, er hieß damals noch Eberhard Diepgen, regnete es in Strömen, oben fröstelten die Spieler und unten die vielleicht 300 Fans.

Es war eine lausige Party.

Viele Anekdoten entnahmen wir dem Zeitungs-Altarchiv der Stadt Berlin, dem „Zentrum für Berlin-Studien“ in der Breiten Straße sowie dem Buch „Hertha BSC – Eine Liebe in Berlin“ von Michael Jahn (1999, Verlag die Werkstatt).

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