Hertha-Neuzugang : Bälle statt Bakterien

Vor einem Jahr stand er vor dem Karriereende, nun soll er Hertha in die Bundesliga schießen: Rob Friend ist der wichtigste Neuzugang der Berliner - Druck spürt er aber nicht.

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Gute Freunde kann niemand trennen. Herthas neuer Stürmer Rob Friend und sein treuer Begleiter, der Ball.
Gute Freunde kann niemand trennen. Herthas neuer Stürmer Rob Friend und sein treuer Begleiter, der Ball.Foto: dpa

Rob Friend, der 1,95 Meter große und 94 Kilogramm schwere Hüne mit einem Körperbau wie aus der griechischen Mythologie, lag im Krankenhaus und konnte nichts tun. Er war ausgeliefert. Den Ärzten, seinem Körper – dem Schicksal? Dabei hatte es doch nie Probleme mit der Gesundheit gegeben, hier und da vielleicht mal ein Wehwehchen, aber nichts Ernstes. Plötzlich stand die Karriere auf der Kippe. „Kein Arzt konnte mir sagen, ob ich je wieder spielen kann“, sagt Friend heute. Sein Adamsapfel bewegt sich, er schluckt. Friend spricht zum ersten Mal öffentlich über diese Zeit vor einem Jahr. „Sie hat vieles in mir verändert“, sagt er, Friend lehnt sich zurück in seinem Gartenstuhl auf der saftigen Wiese im Allgäu. Er ist mit Hertha BSC im Trainingslager hier, mit seinen Toren soll er die Berliner zurückschießen in die Bundesliga. Der Druck ist hoch, Friend ist Herthas spektakulärster Einkauf. Er winkt ab. „Solche Dinge haben sich für mich relativiert.“

Seine fünfmonatige Leidenszeit von Anfang April bis Ende August im vergangenen Jahr, als er noch bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag stand, hatte sich nur ganz leise angekündigt. Ein paar Allerweltsprobleme hatte Friend, die Ferse tat weh. Als Ursache stellte sich ein Schleimbeutel heraus, eine Operation musste her. Nach dem Eingriff aber wurde es erst wirklich kompliziert. Die Wunde entzündete sich, Bakterien fielen den Knochen an. Es folgte eine weitere Operation und dann noch eine. „In dieser Zeit haben mein Sohn und meine Frau mir viel Kraft gegeben“, sagt der 29-Jährige.

Nach seiner Verletzung war Friend nicht mehr gesetzt in Gladbachs erster Elf. Sein Berater forderte via „Sport Bild“ mehr Einsätze, Trainer Michael Frontzeck fand das gar nicht lustig, das Verhältnis verschlechterte sich. In der Rückrunde der vergangenen Saison wurde Friend meist nur noch eingewechselt. Das war zu wenig für einen, der in Mönchengladbachs Aufstiegssaison vor drei Jahren 18 Tore erzielt hatte. Auch deshalb wechselte er nun zu Hertha.

Sein neuer Trainer Markus Babbel ist begeistert, Friend passt ideal in sein System. „Sein Timing bei Kopfbällen ist großartig“, sagt Babbel. In der Formation 4-2-3-1 sollen die offensiven Außen Friend als einzige Sturmspitze mit Flanken versorgen. Natürlich würden ihm seine 1,95 Meter im Luftkampf sehr helfen, sagt Friend. Das optimale Timing aber führt er auf seine umfassende Ausbildung als Sportler zurück. „Ich konnte vieles gut, aber letztlich musste ich mich als Teenager zwischen Volleyball und Fußball entscheiden, worin ich wirklich professionell werden wollte.“ Vom Volleyball sei ihm nun das Gefühl für den richtigen Moment zum Absprung geblieben. Fußball und Volleyball – damit bringt man seine Heimat Kanada kaum in Verbindung. „Es spielen sehr viele Kanadier Fußball. Nur wird es nicht so professionell gefördert wie Eishockey“, sagt Friend.

Während der Trainingseinheiten in Oberstaufen macht Friend einen konzentrierten Eindruck. „An ihm können sich die anderen orientieren, er ist ein Führungsspieler“, sagt Babbel. Friend will selbst im Training immer gewinnen – verbissen aber ist er nicht. Als die meisten seiner Kollegen fertig sind mit ihrer nachmittäglichen Trainingseinheit im Allgäu und die paar Meter zu ihrem Hotel hinüberschlendern, steht Friend noch auf dem Platz. Kotrainer Rainer Widmayer spielt ihm und seinem Sturmkollegen Pierre-Michel Lasogga ein paar Bälle zu. Die Übung ist simpel: Ballannahme, Ballmitnahme, Torschuss. Die Profis fangen an, ihre Tore zu zählen – und Nachwuchsmann Lasogga liegt gegen Ende in Führung. Der letzte Ball, Friend muss treffen, um den Wettstreit zu gewinnen. Sein satter Schuss schlägt im linken Eck ein, mit rudernden Armen dreht er ab und winkt den imaginären Fans auf den Tribünen aus Luft zu. Dann kommt er noch einmal zurück – um Lasogga und Ersatztorwart Sascha Burchert mit dem Bällesammeln zu helfen.

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