Herthas Aufstieg : Im Kessel ein warmes Gefühl

Wie ein Dauerkarten-Fan die Saison erlebte: Nach dem Abstieg blieben viele Nachbarn weg, die Stimmung im Olympiastadion war trotzdem auch in der Zweiten Liga einmalig.

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Wir sitzen fast da, wo die wilden Kerle wohnen. Wir sind nicht die Ostkurve, aber doch nah dran, Block P. Wir spüren die Vibrationen, sind ein bisschen wie die Darsteller auf der Bühne und doch auch Publikum, dass die da oben bewundert. Wenn Hertha mal wieder schlecht gespielt hatte, am Ende der vergeigten Liga-I-Saison und zum Start der hoffentlich allerletzten Liga-II- Saison, wenn es so aussah, als würden sie lustlos und unkoordiniert über den Rasen mäandern, dann entschädigt uns die Ostkurve für alles. Da ist immer Vorstellung.

Und der Moment, in dem du ins volle Stadion reinkommst, vom Gang zwischen Ober- und Unterring in den Kessel schaust, wenn die Bude richtig voll ist, da geht nichts drüber. Das ist ein warmes Gefühl, aber man muss es mögen, darf nicht zu fein sein, es an sich ranzulassen. Dann möchte ich das Olympiastadion auch gegen kein anderes tauschen, die Bahn rundherum stört mich nicht. Im Winter ist es aber schauderhaft. Wenn der eiskalte Wind durchs Marathontor reinpfeift, frage ich mich, ob man das Loch nicht wenigstens im Winter dicht machen könnte, aber die das finanzieren müssten, die sitzen ja in der Loge und frieren nicht.

Seit sechs Jahren geht das so. Die Dauerkarten geben uns die Termine vor, sie strukturieren die Wochenenden von mir und meiner Tochter Nina. Und wenn’s gut läuft bei Hertha, haben wir wirklich ein Problem, weil wir zwei Dauerkarten haben, aber eine Frau und Mutter, die auch Spaß an der Sache gefunden hat. Die sagt dann zwar, sie sei heilfroh, wenn wir weg sind, dann könne sie endlich mal in Ruhe im Garten arbeiten, aber das stimmt gar nicht. Erst als mit dem Zweitliga-Spielplan noch der Montag hinzukam, verzweifelten wir manchmal.

Als Hertha abstieg, brach unser kleiner Fanklub in Block P auseinander. Die Brandenburger, ganz treue Herthafans, kamen nicht mehr, denn den Bus, der sie bis dahin jeden Spieltag aus dem nördlichen Umland bis vors Stadion gefahren hat, gab es nicht mehr. Und der Binnenschiffer mit seiner Tochter, der konnte die Abfahrtszeiten seines Lastkahnes von Rotterdam nun wirklich nicht mehr zweitligakonform gestalten. Das wird nun hoffentlich wieder was in der neuen Saison. Und die Daumen drücken wir noch für einen anderen Brandenburger, der krank geworden ist und dem wir versprochen haben, dass Hertha wieder aufsteigt, aber dass er dann ganz schnell gesund werden muss. Evelyn ist auch in der Zweiten Liga dabeigeblieben. Evelyn kommt immer allein. Sie stammt aus Bremen, hat auch einen Werder-Aufnäher auf ihrer Kutte, und sie ist die Einzige von uns, die auch zu den Auswärtsspielen fährt, weil Evelyn Zeit hat, sie ist schon auf Rente. Aber Temperament hat sie für zwei. Von dem Großvater mit seinem Enkel kann man das nicht so richtig sagen. Die sind so Leise-Jubler, die reden nie. Aber sie gehören dazu. Kann ja nicht jeder spontan sein.

Und jetzt? Sind wir erst mal glücklich, dass wir durchgehalten haben. Der Schmerz über die, die nach dem Abstieg gegangen sind, hat sich gelegt. Arne Friedrich ist ja nie mehr geworden, was er bei Hertha war. Simunic fing wieder an zu foulen wie früher. Aber dass Pantelic und Woronin nicht mehr dabei sind, das ist bitter. Ninas Herthashirt mit dem Autogramm von Pante wird jedenfalls nicht gewaschen. Vielleicht kommt er ja noch mal, und dann wäre es wirklich blöd, wenn Name und Widmung verblasst wären.

Gerd Appenzeller ist Herausgeber des Tagesspiegel und Hertha-Mitglied.

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