Herthas Gegner im DFB-Pokal : Hansa Rostock plant den Angriff von unten

Hansa Rostock war nach der Wende der erfolgreichste Fußball-Klub des Ostens, zuletzt ging es nur bergab. Wie der Klub den Neuanfang schaffen will.

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Es geht doch. Hansa Rostock ist gut in die Drittliga-Saison gestartet. Bei Rot-Weiß Erfurt gewann die Mannschaft 1:0. Foto: imago/Karina Hessland
Es geht doch. Hansa Rostock ist gut in die Drittliga-Saison gestartet. Bei Rot-Weiß Erfurt gewann die Mannschaft 1:0.Foto: imago/Karina Hessland

Der Taxifahrer am Hauptbahnhof will es gar nicht glauben. Sicher? Zur Geschäftsstelle in der Kopernikus-Straße? Kritischer Schulterblick. „Gibt es außerhalb Rostocks tatsächlich noch Menschen, die sich für Hansa interessieren?“ Aber klar, gerade jetzt, da der Verein doch im DFB-Pokal auf Hertha BSC trifft, erste Runde, Montagabend-Spiel, zur absoluten Prime-Time im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nix davon gehört?

„Hhhmmmm“, murmelt der Fahrer und braust durch die Stadt, hinein ins Hansa-Viertel, vorbei an unendlich vielen Wohnhäusern und zwei Schriftzügen, die immer und immer wieder auftauchen. An Brücken, Verkehrsschildern, Wohnhäusern, Geschäften, einfach überall. „FCH“. Oder: „A.F.D.F.C.H“. Alles für den FC Hansa, ein alter Leitspruch unter lokalen Fußballfans.

In Rostock, das ist offensichtlich, kann sich der FC Hansa weiterhin auf die Unterstützung einer breiten Basis verlassen, da können sie die Graffitis von der Stadt noch so oft entfernen lassen. Aber sonst? Was ist geworden aus dem Verein, der einst als Vorzeigeobjekt unter den DDR-Oberligisten galt, der mangels erstklassiger Alternativen Anhänger aus allen neuen Bundesländern an die Küste zog? Der FC Hansa hat in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Abstieg bis an den Rand der Viertklassigkeit erlebt. Ist überhaupt wieder mit Hansa zu rechnen? Oder geht das jetzt ewig so weiter, gefangen in der Abwärtsspirale?

Zur Klärung dieser Frage gibt es vielleicht keinen besseren Gesprächspartner als René Schneider. Der gebürtige Schweriner hat die großen Rostocker Fußball-Jahre in der Nachwendezeit aktiv mitgestaltet, als die Mecklenburger Jahr für Jahr die Bundesliga überraschten. Bei Hansa ist Schneider zum ersten gesamtdeutschen Nationalspieler des Vereins aufgestiegen, 1996 stand er im EM-Kader von Berti Vogts, und wenig später brachte er den Rostockern mit seinem Wechsel nach Dortmund die für damalige Verhältnisse stolze Ablösesumme von vier Millionen D-Mark ein.

Schneider kennt also die guten, alten Zeiten, in denen Maschine und die Puhdys regelmäßig live das Stadion bespielten und die Welt sportlich mehr als in Ordnung war. Gleichwohl ist er ein Gesicht für den Umbruch, der die Rostocker in absehbarer Zeit wieder zurück in die Zweite Liga führen soll. Seit einem Jahr kümmert sich der ehemalige Verteidiger um sämtliche sportliche Belange im Verein, von den Profis bis zum Nachwuchs. Er ist gewissermaßen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsplaner in einer Person.

Schneider empfängt in seinem Arbeitszimmer im Bürotrakt des Ostsee-Stadions. Ein paar Tage vorher sind die Rostocker mit einem Sieg in die Drittliga-Saison gestartet, Schneider ist gut drauf und für einen Norddeutschen recht gesprächig. Also, warum ausgerechnet Hansa? Schneider lächelt, dankbarer Einstieg. „Als das Angebot kam, gab es nicht viel zu überlegen. Ich wusste zwar, dass Hansa Rostock ein kleines Pulverfass ist, aber für mich ist das eine Herzensangelegenheit“, sagt er, „nicht umsonst bin ich nach der aktiven Karriere wieder in Mecklenburg gelandet.“

Das Pokalspiel gegen Hertha ist ein Glücksfall für den Verein

Kleines Pulverfass ist noch eine nette Umschreibung für das, was der Verein in den vergangenen Jahren erlebt hat. Unabhängig vom sportlichen Niedergang erlangte Hansa immer wieder zweifelhafte Berühmtheit, weil sich Teile des Anhangs einfach nicht zu benehmen wussten, insbesondere auf Auswärtstouren.

2006 zerlegten 450 gewaltbereite Fans den Stendaler Bahnhof. Vor drei Jahren lauerten Rostocker Hooligans am Schweriner Hauptbahnhof durchreisenden Hertha-Fans auf, und erst in dieser Woche verurteilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Verein erneut: Wegen unsportlichen Verhaltens in elf Fällen verfügte das DFB-Sportgericht einen Komplett-Ausschluss der Fans für vier Auswärtsspiele, darunter die hochbrisanten Begegnungen beim 1. FC Magdeburg und in Jena. Auch das Pokalduell mit Hertha BSC am Montagabend wird selbstverständlich unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.

Gerade weil das Spiel endlich mal wieder eine gute Plattform für den Verein bietet, hoffen sie in Rostock, dass alles ruhig bleibt. „Neben Bayern und Dortmund, die man sich als unterklassiger Verein immer wünscht, ist Hertha das beste Los, das wir kriegen konnten. Ich will nicht von einem Derby sprechen, aber Berührungspunkte gab es in der Vergangenheit ja immer wieder“, sagt Schneider. Etwa 1995, als Hansa – wie sollte es anders sein – wegen randalierender Fans für zwei Spiele ins Hertha-Wohnzimmer, ins Berliner Olympiastadion umziehen musste und jeweils knapp 60.000 Zuschauer kamen. Oder durch Spieler, die zwischen den Klubs hin- und herwechselten, Marko Rehmer etwa oder Stefan Beinlich. Letztmalig standen sich die beiden Klubs in der Bundesliga 2008 gegenüber, gute alte Zeit. Im neuerlichen Aufeinandertreffen ist Hansa, der Drittligist, klarer Außenseiter gegen den Europapokalteilnehmer aus Berlin. Andererseits haben sie sich in Rostock schon an diese Rolle gewöhnt.

Der Vorsprung auf die großen DDR-Traditionsklubs, den sich Hansa in zehn Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit zwischen 1995 bis 2005 erarbeitet hatte, ist längst aufgebraucht, schlimmer noch: viele Klubs haben die Rostocker sportlich und wirtschaftlich abgehängt. Volles Stadion, TV-Spiele, Top-Atmosphäre, geschichtsträchtige Duelle – das gibt es beim 1. FC Union in Berlin-Köpenick und Dresden regelmäßig. Selbst unter den anderen einstigen DDR-Oberligisten, mit denen Hansa heute in Liga drei konkurriert, waren die Rostocker in der abgelaufenen Saison die schlechteste Mannschaft.

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