Herthas Krise : Auf dem Hosenboden der Tatsachen

Bei der Niederlage gegen Frankfurt wirken Herthas Spieler, als hätten sie sich mit dem Abstieg schon abgefunden. Ähnlich schlecht wie Hertha war vor 44 Jahren Tasmania aus Neukölln - ein Team älterer Herren, die halbtags arbeiteten.

Sven Goldmann
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Rutschen oder rennen. Während Arne Friedrich hier sinnbildlich für Herthas Lage liegt, hat Ümit Korkmaz leichtes Spiel.Foto: König

Berlin - Manchmal möchte man schon ganz gern im Kopf eines Fußballspielers stecken. Zum Beispiel in dem von Arne Friedrich. Was hat sich der Kapitän von Hertha BSC gedacht bei dieser Blutgrätsche von hinten in die Beine eines Frankfurters, irgendwo im Mittelfeld, nach zwei Minuten Nachspielzeit, als an der 1:3-Niederlage nichts mehr zu ändern war? Für diese an Sinnlosigkeit schwer zu überbietende Aktion hat Friedrich sich eine Gelbe Karte abgeholt. Es war seine fünfte in dieser Saison, was für Hertha den unangenehmen Effekt hat, dass Friedrich für das nächste Spiel am Sonntag bei Schalke gesperrt ist. Ob das für Friedrich ein eher angenehmer Effekt ist, darüber darf man nach dem grausamen Spiel gegen Frankfurt immerhin spekulieren.

Am Tag danach hat der Kapitän sich bei der Mannschaft entschuldigt, „da sind mir alle Sicherungen durchgebrannt“. Dazu sprach Friedrich markige Sätze wie „der Trainer macht gute Arbeit, wir Spieler machen die Anfängerfehler auf dem Platz“ oder „am Samstag waren wir nicht bundesligareif“. Wer wollte da widersprechen? Zurzeit ist Hertha von der Konkurrenzfähigkeit so weit entfernt, wie es in der Bundesliga zuletzt vor 44 Jahren Tasmania aus Neukölln war. Ein Sieg, elf Niederlagen, zwei Unentschieden – exakt ein Unentschieden mehr, als Tasmania nach 14 Spielen zustande gebracht hatte. Die ausstehenden Hinrunden-Gegner Schalke, Leverkusen und München legen nahe, dass Hertha bis Jahresende weiter auf tasmanischen Pfaden wandelt.

Das Schmeichelhafteste an den Vergleichen mit dem bisher schlechtesten Bundesligaklub ist für Hertha, dass überhaupt verglichen wird. Tasmania war 1965 eher zufällig in die Bundesliga gekommen, die Mannschaft bestand zur Hälfte aus älteren Herren, die halbtags arbeiteten, abends auf einem Schlackeplatz trainierten und danach in der Kneipe Skat spielten. Hertha BSC ist ein Millionenunternehmen mit Profis aus der ganzen Welt, die in der vergangenen Saison beinahe Deutscher Meister geworden wären.

Das sind zwei Welten. Ähnlich verhält es sich, was die Unterschiede zwischen der Berliner Fußballkunst in dieser und der vergangenen Saison angeht. Trainer Friedhelm Funkel charakterisierte den Ist-Zustand am Samstag als „gewisse Verunsicherung“. Das ist hübsch, aber einen Tick zu harmlos ausgedrückt. Das von Funkel verantwortete unstrukturierte Gekicke erinnerte nicht einmal in Nuancen an den rationalen Stil, mit dem Hertha im Vorjahr die Konkurrenz irritierte.

Liegt das nur am geschwundenen Selbstbewusstsein? Schwer vorzustellen, nachdem Hertha noch vor einer Woche den VfB Stuttgart am Rand einer Niederlage hatte. Auch der oft angeführte Verlust der Leistungsträger Marko Pantelic, Andrej Woronin und Josip Simunic greift als Erklärung zu kurz. Pantelic war knapp die halbe Saison verletzt, Woronin in den letzten Spielen nur noch Ersatz.

Herthas großes Problem ist, dass der Rest der Belegschaft nicht mehr heranreicht an die Konstanz, Konzentration und Disziplin der Fast-Meister-Saison. Sieben Spieler aus der Anfangsformation gegen Frankfurt gehörten im letzten Jahr zur Stammelf, drei weitere zum engeren Kreis. Was ist nur geworden aus ihnen? Gojko Kacar setzt seine Dynamik bevorzugt zum Umtreten missliebiger Gegner ein. Maximilian Nicu hatte seine auffälligste Szene, als er sich nach einer halben Stunde die Schuhe zuband. Der Brasilianer Cicero hat den Querpass über fünf Meter zur hohen Kunst erhoben, manchmal kommt er auch an. Sein Landsmann Raffael war am Samstag der Einzige, der so etwas wie Kultur ins Spiel brachte, doch angesichts der allgemeinen Tristesse verlor auch er nach einer Stunde die Lust.

Symbolisch war das Duell, das Nemanja Pejcinovic und Lukasz Piszczek um den Titel des schlechtesten Außenverteidigers der Liga ausfochten. In der ersten Halbzeit hatte Pejcinovic die Nase vorn, in der zweiten Piszczek. Der Frankfurter Patrick Ochs zeigte den beiden Berlinern, wie ein moderner Außenverteidiger zu spielen hat. Schnell, geradlinig und im richtigen Augenblick mit Mut zur gefährlichen Flanke. Der Frankfurter provozierte auf der rechten Seite mehr gefährliche Situationen als Hertha im gesamten Spiel.

Nun zählt dieser Patrick Ochs genauso wenig zu den größten Begabungen des deutschen Fußballs wie Frankfurt zur Creme der Bundesliga. Dass die Eintracht ihren Gegner leicht beherrschte, sollte die Berliner zu einer realistischen Einschätzung verleiten, was ihre Chancen im Überlebenskampf betrifft. Gegen Frankfurt wirkten fast alle Spieler desillusioniert – als hätten sie sich mit dem Abstieg abgefunden. Die große Ausnahme war Adrian Ramos. Der Kolumbianer schleppte sich trotz schmerzhafter Verletzung auf den Platz und schoss kurz vor Schluss das Tor zum 1:3. Es hatte etwas Anrührendes, wie Ramos den Ball aus dem Tornetz holte und den Frankfurtern in Windeseile zum Anstoß zurechtlegte.

Wenn er denn wirklich geglaubt hat, die Niederlage sei noch abzuwenden, stand er damit in seiner Mannschaft ziemlich allein. Herthas Sinn für die neuen Realitäten spiegelte sich in der Wechseltaktik des Trainers. Funkel hatte Stürmer Artur Wichniarek zwar frühzeitig zum Warmlaufen in den Regen geschickt. Kurz vor Schluss aber schickte er doch lieber Verteidiger Christoph Janker auf den Platz.

Manchmal möchte man auch ganz gern im Kopf eines Fußballtrainers stecken.

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