Herthas Torwart : Thomas Kraft wird giftig

Thomas Kraft ist einer der wenigen Berliner Profis, dem allgemein Bundesligatauglichkeit attestiert wird. Jetzt fordert er von seinen Teamkollegen mehr Präsenz auf dem Platz.

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Thomas Kraft fordert mehr Aggressivität bei Hertha.
Thomas Kraft fordert mehr Aggressivität bei Hertha.Foto: dapd

Reden, motivieren. Otto Rehhagel versucht es. Mal ein Klaps hier, mal eine gestenreiche Ansprache dort. Klapsen ist Cheftrainersache, brüllen müssen Rehhagels Assistenten René Tretschok und Ante Covic. Covic ruft in Herthas Trainingsspiel hinein, will den seit Wochen glücklosen Stürmer Adrian Ramos aufmuntern: „Super, Adrian.“ Super-Adrian ballert an den Pfosten, sein Nachschuss geht weit am Tor vorbei. Pause. Rehhagel nimmt den Kolumbianer zur Seite. Tätschelklaps und weiter geht es. Bis einer richtig laut wird auf dem Gelände an der Hanns-Braun-Straße. Torwart Thomas Kraft brüllt seine Verteidiger an: „Wenigstens mit nach hinten laufen, das muss doch möglich sein.“ Ist es nicht bei Hertha, auch nicht im Training. Kraft tritt im Frust kräftig gegen den Pfosten.

Seinen Wutanfall verkauft der Torwart später als Motivationshilfe. „Ich kann ja keinen umtreten. Ich will wachrütteln und die Aggressivität auf den Platz bringen.“ In diesem Punkt fehle seiner Mannschaft einiges, insbesondere in der Defensivarbeit. Besser stehen, mehr Zweikämpfe gewinnen, cleverer spielen, das müsse in Herthas trauriger Situation jeder verinnerlichen, sagt Kraft. Wenn es so einfach wäre: Am 22. Oktober, beim 0:0 gegen Mainz, am zehnten Spieltag ist Kraft letztmals ohne Gegentor geblieben. Davon war er am Sonnabend bei Herthas 0:3 in Augsburg weit entfernt. Obwohl der Torwart keinen großen Fehler machte.

Thomas Kraft ist einer der wenigen Berliner Profis, dem allgemein Bundesligatauglichkeit attestiert wird. Er ist ein solider Torhüter, aber auch ein Torwart, der nicht immer zur rechten Zeit Sicherheit auf die Mitspieler ausstrahlt. Oft zeigt er sehenswertere Paraden erst dann, wenn Hertha schon klar zurückliegt. Zwar hat er sein zu Saisonbeginn wackliges Stellungsspiel verbessert, aber das allein hat Hertha nicht geholfen. Schuldlos an der 13 Spiele langen Serie ohne Sieg und den Sturz auf Platz 16 sei auch er nicht, sagt der 23-Jährige. „Ich bin ein Teil des Ganzen. Und von mir aus gewinnen wir lieber 5:4 als dass wir 0:0 spielen.“ Kraft sagt, seine Mitspieler müssten mehr „Gift“ ausstrahlen, die Gegner beeindrucken. Damit sie die Berliner nicht weiter so einfach besiegen können wie die biederen Augsburger: Schaltzentrale Raffael lahm legen, Innenverteidigung überlaufen, Torwart überraschen.

Augsburg war Rehhagel Teil eins, Teil zwei heißt am Sonnabend im Olympiastadion Werder Bremen. Die erste vorbereitende Einheit am Dienstag wirkte nicht nur wegen Krafts Ausbruch etwas holprig. Angesichts wegen internationaler Aufgaben fehlender Spieler und Verletzter mühten sich 14 Feldspieler, drei Torhüter und Rekonvaleszent Christian Lell, der seine Runden drehte. Sein Trainingsdebüt in Berlin hatte Rehhagel im Schneetreiben. Eine Woche später sah Herthas neuer Trainer die Bemühungen seiner Spieler auf dem Kleinfeld im Schmuddelwetter. Nach einer Stunde wurde es selbst dem harten Otto zu ungemütlich, sein Kopf verschwand unter der Kapuze.

Verstecken ist aber nicht mehr angesagt. Hatte Rehhagel nach Augsburg seinen Profis einen trainingsfreien Montag gegönnt, so setzte er für Mittwochnachmittag eine zusätzliche Einheit an. Es gibt viel Arbeit vor dem Spiel gegen Bremen, noch ist Hertha nicht abgestiegen. „Ich habe einen Vierjahresvertrag in Berlin“, sagt Kraft. Wer an die Zweite Liga auch nur denken würde, habe schon verloren.

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