Heute gegen Barcelona : FC Bayern: Mit Schicksal spielen

Bayern-Präsident Franz Beckenbauer grübelt vor dem Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona über die Zukunft von Trainer Jürgen Klinsmann.

Sebastian Krass[Barcelona]

Eigentlich ist es ein unverfänglicher Termin. Vor dem Abflug zu Europapokalspielen stellt sich die Entourage des FC Bayern traditionell den Fragen der Reporter, um ein paar Worthülsen zu verbreiten. In der Regel reden die Verantwortlichen dann von Zuversicht und Optimismus. Am Dienstag aber, auf dem Weg zum heutigen Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League beim FC Barcelona (20.45 Uhr, live bei Sat 1 und Premiere), war Franz Beckenbauer dabei. Zum ersten Mal seit Jahren bestieg der Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzende bei einer Europapokalreise wieder das gleiche Flugzeug wie die Mannschaft. Glücksbringer sollte er sein. Doch erst einmal stiftete Beckenbauer Unruhe: Er machte aus der Plauderrunde am Flughafen nämlich unversehens ein Politikum – indem er die Trainerfrage stellte.

„Ich habe ja die Aussage von Karl-Heinz Rummenigge im Ohr, der gesagt hat, dass wir uns am Saisonende zusammensetzen und alles analysieren. Dann kann man ja womöglich reagieren“, sagte Beckenbauer; er bezog sich dabei auf Jürgen Klinsmann. Man kann sich gut vorstellen, dass Vorstandschef Rummenigge ein paar Flüche durch den Kopf gingen, als er diese Worte vernahm. Hatte er nicht gerade am Montag – nach einem selbst auferlegten Schweigegelübde übers Wochenende – erneut ein Treuebekenntnis zu Trainer Jürgen Klinsmann abgegeben? Ja, das hatte er: „Jürgen Klinsmann hat einen Vertrag, der ist klar. Einen anderen Plan haben wir nicht.“ Sicher hatte Beckenbauer das vernommen, beeindruckt hatte es ihn nicht. Nun also, am Flughafen, musste Rummenigge schon wieder versuchen, ein Feuerchen auszutreten: „Wir machen nicht nach jeder Niederlage eine Positionsbestimmung des Trainers“, sagte er grollend.

Das will Beckenbauer ja auch nicht. Die bisherige Saison mit dem 1:5-Tiefpunkt in Wolfsburg hat ihn nur nachdenklich gemacht, wie man die Position des Trainers am Ende der Saison bestimmen sollte. Zwar hat Beckenbauer bei operativen Entscheidungen wie der Besetzung des Trainerpostens nicht mitzubestimmen. Aber trotzdem hält er seine eigene Nachrichtensuppe abseits der offiziellen Vereinssprache stets am Köcheln. Und weil seine Ansichten in der Öffentlichkeit aufmerksam registriert werden, können sie immer auch das Klima beeinflussen, in dem operative Entscheidungen getroffen werden.

Nun also hat Beckenbauer wieder aufs Tapet gebracht, was Rummenigge und Manager Uli Hoeneß unbedingt vermeiden wollten: dass die Partie in Barcelona mit der Zukunft Klinsmanns verknüpft wird. Deshalb zürnte Hoeneß auch am Dienstagabend: „Ich weiß nicht, ob es klug ist, kurz vor dem Spiel die Zukunft des Trainers auch nur anzudeuten oder zu diskutieren.“ Doch da war es zu spät.

Eigentlich hätte die Reise für die Bayern eine relativ komfortable Angelegenheit werden können. Das vor der Saison ausgegebene Ziel für die Champions League ist erreicht, sogar mit der besten Bilanz aller Mannschaften (auch dank willenloser Gegner wie Sporting Lissabon). Und gegen die allenthalben als „beste Mannschaft der Welt“ apostrophierten Katalanen hätte sich ein Ausscheiden verkaufen lassen. Nach dem Wolfsburg-Spiel aber hat sich die Lage geändert.

Klinsmann bat am Dienstag indirekt um Geduld: „Wir sind in einem Jahr des Umbruchs.“ Er kündigte aber an, auch in Barcelona das Glück der Bayern in der Offensive zu suchen. Doch sein Team hat Personalsorgen. Neben Angreifer Miroslav Klose fällt ein weiterer Schlüsselspieler aus: Innenverteidiger Lucio. Daniel van Buyten wird die Vertretung wohl nicht übernehmen können. Der Belgier steht derzeit seinem schwer kranken Vater bei. „In seiner Situation hat die Familie absolut Vorrang“, sagte Klinsmann. „Wir werden wieder einmal improvisieren.“ Franz Beckenbauer wird in seiner Funktion als Fernsehexperte aufmerksam zuschauen – und danach sicher wieder ein paar offene Worte finden.

Mythos FC Barcelona: Seite 2

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