Sport : Heute Star, morgen Helfer

Hartmut Moheit

Es kann passieren, dass selbst Herbert Watterott nicht alles weiß. Als die Stimme des Radsports aus Bergisch Gladbach beim 91. Berliner Sechstagerennen im Velodrom Rolf Aldag ankündigt, liegt er falsch. "Direkt von Mallorca nach Berlin, vom Straßentraining des Teams Telekom zu den Sixdays, hier ist Rolf Aldag", ruft er marktschreierisch. Was sich gut anhört, die Phonstärken beim obligatorischen Konzert der 10 000 mit den Trillerpfeifen erheblich verstärkt, stimmt nicht. "Ich war noch ein paar Tage zu Hause in Beckum", korrigiert ihn der 33-Jährige. Dann erzählt er von seinem Bauernhof "mit Pferd, Hund und Katze", auf dem er sich "sehr gut von dem Wintertraining erholen kann". 7000 Straßenkilometer ist Rolf Aldag im Winter bereits gefahren.

Die kurze Zeit bei Lebensgefährtin und Kind haben ausgereicht, um im Velodrom ohne "dicke Beine", mit Lust und großen Ambitionen in die Rundenjagden zu gehen. Gemeinsam mit dem Italiener Silvio Martinello, der auch sein Partner beim Vorjahressieg im Velodrom war, fuhr Aldag sich sofort wieder in die Herzen der Berliner. Rundengleich mit sechs weiteren Teams und 50 Sprintpunkten auf dem Konto lagen die Männer mit der Nummer eins auf dem Rücken nach der ersten Nacht vorn. "So ganz ohne Bahntraining bin ich natürlich nicht gekommen", erzählt Rolf Aldag. In Büttgen hat sich der neunmalige Tour-de-France-Starter und Deutsche Straßenmeister 2000 an drei Tagen "eingerollt". Auf der Sechstage-Bahn muss er immerhin 130 Umdrehungen pro Minute schaffen, um eine Chance zu haben. Beim Training auf Mallorca waren 90 auf Flachstücken das Maximum.

Rolf Aldag, der Sechstagerennen als einen Rausch empfindet, tut sich die vom Telekom-Manager Walter Godefroot extra genehmigte Zusatzbelastung liebend gern an. Bei 21 Starts hat er es auf sieben Siege unter dem Hallendach gebracht, die ein wenig das kompensieren, was der Westfalener auf der Straße nur selten erlebt. Bei Sechstagerennen ist Rolf Aldag ein Star, der auch wegen seiner sympathischen Art gefeiert wird. Wie seine Kollegen Jan Ullrich und Erik Zabel auf der Straße, deren ergebener Helfer Aldag ab dem 2. Februar, dem Beginn der Mallorca-Rundfahrt, wieder sein wird.

"Wenn ich eigene Ambitionen auf der Straße hätte, würde ich nicht in das Team Telekom gehören. Zumindest nicht bei den ganz großen Rundfahrten", sagt er, als wäre ihm diese Rolle schon immer auf den Leib geschneidert gewesen. "Na ja", gibt Aldag zu, "zweimal wäre ich bei der Tour beinahe im Gelben Trikot gefahren. Das wäre schon toll gewesen. Aber bei der Deutschlandtour habe ich zweimal die Königsetappe gewonnen, das ist doch auch was." Rolf Aldag liebt seinen Sport zu sehr, um etwa mit seiner Karriere zu hadern. Was ihm missfällt, sind andere Sachen. Wie vor kurzem in Südafrika erlebt: "Da gibt es Kollegen, die schwärmen von der wunderschönen Landschaft rund um Kapstadt, und dann werfen sie ihre Cola-Dosen in die Gegend. Das finde ich unmöglich." Mit einer anderen Sache hat er sich dagegen abgefunden, den Marotten seines langjährigen Zimmerkollegen Kay Hundertmark, mit dem er seit 1989 unterwegs ist. "200 Tage im Jahr in einem Zimmer, das ist schon wie eine Ehe", sagt Aldag. In Berlin, der Stadt, von der er sagt, dass er "es nicht versteht, dass sie mit aller Macht eine Weltstadt werden soll", hat er ein Einzelzimmer. Sechstagerennen ist eben doch was anderes.

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