Sport : Hier wurde China groß

Im Tischtennis ist Dortmund ein magischer Ort – jetzt wittern die Deutschen ihre Chance

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Bolls Ball. Mit Timo Boll in Hochform wollen die deutschen Tischtennis-Männer China ablösen. Foto: dapd
Bolls Ball. Mit Timo Boll in Hochform wollen die deutschen Tischtennis-Männer China ablösen. Foto: dapdFoto: dapd

Der Matchball. „Rossi flippt den Aufschlag an, der Ball kommt zurück, ich ziehe parallel dagegen, den nächsten zieht Rossi nochmal parallel – und die Gegner liegen am Boden.“ Es ist der berühmteste Ballwechsel in der Karriere von Steffen Fetzner, deshalb kann er ihn auch 22 Jahre später noch genau nacherzählen. Er brachte ihm und Jörg Roßkopf völlig überraschend den Weltmeistertitel im Doppel, 1989 in der Dortmunder Westfalenhalle. Aus Roßkopf und Fetzner wurden „Rossi“ und „Speedy“ und aus Tischtennis eine Sportart, die auf einmal in Deutschland als Leistungssport gesehen wurde, nicht nur als Ping Pong.

Einen Sportpresseball und ein Konzert von Billy Joel, das ist alles, was Fetzner seit 1989 in der Westfalenhalle gesehen hat. Inzwischen arbeitet er als Promotion-Manager für eine Tischtennisfirma. An diesem Wochenende jedoch schaut sich der 42-Jährige wieder Tischtennis in Dortmund an, die German Open. Tischtennis ist zurückgekehrt an einen geschichtsträchtigen Ort.

Sein Doppelpartner von damals trägt wieder einen Trainingsanzug. In Dortmund sind es die ersten German Open, die Jörg Roßkopf als Bundestrainer der Männer verantwortet. Was der Weltmeistertitel von 1989 ausgelöst hat, sei etwas Wohlstand im Tischtennis gewesen. „Verbände, Firmen und Spieler haben danach mehr verdient. Eigentlich hätten uns alle Bundesligaspieler 20 Prozent ihres Gehalts überweisen müssen“, sagt Roßkopf und grinst. Als Roßkopf im vergangenen Jahr seine Spielerkarriere beendete, überreichte ihm Hans Wilhelm Gäb, Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), den Spielball aus dem Doppelfinale von 1989.

In der Dortmunder Westfalenhalle passieren ohnehin immer große Veränderungen im Tischtennis. 1959 gewann hier zum ersten Mal ein Chinese einen Weltmeistertitel im Sport, Rong Guotuan. Dadurch entwickelte sich Tischtennis zu Chinas Nationalsport. Die Dominanz der Chinesen hielt mit kleinen Unterbrechungen genau 30 Jahre an. Bis wieder eine WM in Dortmund stattfand und der Schwede Jan-Ove Waldner China sowohl den Einzel- als auch mit seinen Teamkollegen den Mannschaftstitel wegnahm.

Im nächsten Jahr findet nun wieder eine WM in der Westfalenhalle statt, die Mannschafts-WM, denn Einzel- und Mannschaftsturniere sind inzwischen getrennt. Dem Gesetz der Serie folgend müsste also wieder Besonderes passieren. Das könnte eigentlich nur die Ablösung der Chinesen als Nummer eins sein.

Seit 1995 haben sie bei den Männern alle Mannschaftstitel gewonnen. Erster Herausforderer sind die Deutschen. „Außerhalb Chinas haben wir wahrscheinlich die beste Trainingsgruppe der Welt“, sagt Dirk Schimmelpfennig, der DTTB-Sportdirektor. Und in Timo Boll den derzeit laut Rangliste besten Spieler der Welt. Nach einigen erfolglosen Versuchen, die Chinesen vom Thron zu stoßen, könnte das Heimspiel in Dortmund ihre bisher größte Chance sein. Mit Timo Boll in Hochform und einer gereiften Spielergruppe dahinter, während die Chinesen mitten im Übergang zwischen zwei Spielergenerationen stecken.

Die Generalprobe bei den German Open wurde allerdings verpatzt. Nachdem alle deutschen Frauen in der ersten Runde ausgeschieden waren, überstanden bei den Männern nur Boll und Patrick Baum die erste Runde. In der zweiten erwischte es dann auch Baum. Boll dagegen besiegte erst den Chinesen Hao Shuai, anschließend Chuang Chih-Yuan aus Taiwan und trifft am Sonntag im Halbfinale auf Olympiasieger Ma Lin aus China. Seine Tischtennis-Geschichte in Dortmund hat Timo Boll also noch vor sich.

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