Hockey : Weniger Perfektion

Hockey-Bundestrainer Weise hat einen eigenen Stil. Er lässt sich gerne von anderen Sportarten inspirieren.

Stefan Hermanns

Berlin - Markus Weise, der Trainer der Hockey-Nationalmannschaft, lässt sich gerne von anderen Sportarten inspirieren. Vom Fechten zum Beispiel. Weise hat einige Parallelen zum Hockey festgestellt. „Beim Fechten muss man auch angreifen und gleichzeitig verteidigen“, sagt er. „Da gibt es eine klare Eins-zu-eins-Situation, und man kann auch den Gleichgewichtsgedanken rausziehen.“ Die Fußarbeit, die Finten, einiges hält Weise für übertragbar. Genauso verhält es sich mit dem Fußball, auch wenn Übertragbarkeit nicht totale Übereinstimmung bedeutet. Wenn nämlich Bernhard Peters, der im Herbst als Weltmeister aus dem Amt des Bundestrainers geschieden ist, so etwas wie der Franz Beckenbauer des deutschen Hockeys war, dann müsste Weise, sein Nachfolger, doch – Berti Vogts sein. Weise lacht. „Mit Berti Vogts würde ich mich nicht vergleichen.“

Er weiß ja, worauf er sich eingelassen hat: Das Risiko, an Peters und dessen überragenden Erfolgen gemessen zu werden, hätte jeder Nachfolger gehabt. Aber Weise wollte eben immer schon die deutschen Männer trainieren, wenn auch am liebsten erst zwei Jahre später, nach Olympia 2008. „Hätte ich einmal Nein gesagt, wäre ich wohl kein zweites Mal gefragt worden“, sagt Weise. „Ich weiß auch, dass es in die Hose gehen kann – aber dann bin ich wenigstens mal Herren-Bundestrainer gewesen.“

So viel Bescheidenheit ist gar nicht angebracht. Weise, 44 Jahre alt, hat 2004 den größten und überraschendsten Erfolg des deutschen Hockeys verantwortet, als er die Frauen zum olympischen Gold trainierte. Und wenn seine neue Mannschaft heute in Manchester gegen Tschechien (11 Uhr) in die Europameisterschaft startet, geht es im Grunde auch wieder um Olympia. Landet Weises Team am Ende unter den ersten drei, ist es automatisch für Peking 2008 qualifiziert. „Die EM ist nur eine Durchgangsstation“, sagt der Bundestrainer.

Wie aber führt man eine Mannschaft, die bisher von einem ausgesprochenen Perfektionisten geführt wurde? „Weniger perfektionistisch, auf jeden Fall“, sagt Weise. „Wir führen viele Dinge weiter, aber Perfektionismus hat auch Grenzen und Nachteile.“ Bei Peters mussten die Spieler vor großen Turnieren immer eine Zielvereinbarung unterschreiben, einen für beide Seiten gültigen Vertrag. Das gibt es bei Weise nicht mehr. „Für Spieler, die 250 Länderspiele haben, besitzt das nicht mehr diese Wertigkeit“, sagt er. „Die hatten das Gefühl, nur noch einen Wisch zu unterschreiben.“ Peters stand bei den Spielen permanent unter Strom. Seine Anweisungen hatten stets den Charakter von Befehlen. Weise sitzt auf der Bank. Er redet viel: Vor die Leute! Nachrücken! Härter passen! Aber dabei wirkt er eher wie ein Radioreporter, der das Spiel fast beiläufig kommentiert. „Ich rufe da nicht rein: Jetzt rechts spielen“, sagt Weise. „Bernhard war da sehr viel rigider. Der wollte ganz bestimmte Muster immer wieder haben.“

Der neue Bundestrainer verlangt, dass seine Spieler eigene Entscheidungen treffen. Aber das ist nicht einfach für eine Mannschaft, die es gewohnt war, dass ihre Entscheidungen von höchster Stelle getroffen wurden. Weise hat bei den Spielern eine große Sehnsucht nach klaren Ansagen gespürt. Mit der neuen Freiheit waren sie regelrecht überfordert. Entsprechend bescheidend fielen zu Beginn seiner Amtszeit die Ergebnisse aus. „Für uns war das eine riesige Umstellung“, sagt der 24 Jahre alte Carlos Nevado. „Wenn Bernhard Peters im Raum war, ist man als junger Spieler immer mit gesenktem Haupt vorbeigeschlichen. Markus Weise ist eher ein lockerer Kumpeltyp, der mit einem auch mal Tischfußball spielt.“

Zuletzt, beim Hamburg Masters, haben die Deutschen ihre EM-Gruppengegner Belgien (6:0) und England (4:3) geschlagen, gegen die Niederlande gewannen sie in Mannheim ein Testspiel 5:1. „Der Gewöhnungsprozess läuft noch“, sagt Markus Weise. „Aber man hat gesehen, dass es in die richtige Richtung geht.“

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