Sport : Höfliches Boxen

Dr. Wladimir Klitschko verteidigt seinen Titel gegen den Banker Calvin Brock aus den USA

Hartmut Scherzer[New York]

Als Letzter ging Wladimir Klitschko ans Rednerpult, der Champion. „Good afternoon, ladies and gentlemen.“ Die Höflichkeit, das Publikum, meist Medienleute unter den 200 Zuhörern, zu begrüßen, hatte kein Vorredner besessen. Der promovierte Sportwissenschaftler fasste zusammen, was er sich über eine Stunde lang an Kommentaren, Prognosen, Späßen, Lobpreisungen und Danksagungen all der Promoter, Manager, Fernsehmacher, Trainer und Boxer unter der Moderation von Michael Buffer in der Theater-Lobby des Madison Square Garden angehört hatte: „Wenn wir, die Rahmen- und Hauptkämpfer, im Ring die gleiche Performance bringen wie hier beim Reden, dann wird es Samstag ein großer Event.“

Die letzte Pressekonferenz vor einem mit Spannung erwarteten Kampf (Übertragung Sonntag ab 4 Uhr bei RTL) ist der Pulsmesser der Spannung. Dass sich die Rivalen beim Medientermin übel beschimpfen, anpöbeln, drohen, ja sogar übereinander herfallen wie einst Mike Tyson und Lennox Lewis, kommt nicht mehr vor. Seit die studierten und wohlerzogenen Klitschkos mit Charme und Charisma die amerikanische Bühne betraten, geht es auf diesen Veranstaltungen gesittet zu wie bei einer Tagung von Sparkassenleitern.

Da passt der unbesiegte Herausforderer Calvin Brock, 31, als College-Absolvent und Angestellter der Bank of America bestens ins Bild. „The Boxing Banker“ nennt sich der Olympiateilnehmer von Sydney nicht gerade Furcht einflößend. Diese WM im Schwergewicht nach IBF-Version verspricht nach den bisherigen Eindrücken die Dramatik eines akademischen Festaktes. Zwei gebildete Boxer, die mit Intelligenz kämpfen.

Den Promotern ist offenbar kein reißerischer Slogan für das Duell der beiden „smart guys“ eingefallen. Also haben sie einen Werbetitel weggelassen. Der Mythos des Madison Square Garden macht ein Motto überflüssig. Für Wladimir Klitschko erfüllt sich mit seinem ersten Auftritt als Champion in der legendärsten Sportarena der Welt (bei Lewis gegen Grant hatte er 2000 im Rahmenprogramm gekämpft) zu seinem 50. Profikampf ein Wunsch: „Das ist eine Berührung mit der Geschichte des Sports.“ Dennoch bleibt Klitschko vor seiner ersten Titelverteidigung noch unbeeindruckt. „Die Aufregung soll erst am Samstag kommen. Das muss sie auch, denn sonst wird man nicht wach“, sagte er. Über den Außenseiter Calvin Brock spricht der Favorit nur voller Respekt: „Ein ruhiger Typ. Ich spüre sein Selbstbewusstsein in seiner Körpersprache, in seinen Augen. Ich werde ihn nicht unterschätzen.“

Was ist nur los mit den Machos? Nur Respektgesäusel, keine Rüpelattacken! Einzig Laila Ali, mit Mütze, Brille und Brillanten geschmückt, tönte, ganz der Vater. Mit höhnischem Grinsen prophezeite die Mittelgewichts-Weltmeisterin ihrer Herausforderin Shelly Burton für den Vorkampf: „Ich werde dir den Arsch aufreißen.“ Ihr Dad, kündigte sie an, werde am Samstag in den Garden kommen, dorthin, wo sich „The Greatest“ am 8. März 1971 mit Joe Frazier den Kampf des Jahrhunderts geliefert hatte. Doch weder ihr berühmter Name noch ihre Kraftausdrücke und Boxbegabung werden sie ins Fernsehen bringen. HBO überträgt kein Frauenboxen, auch wenn es machohaft daherkommt.

Wenn Wladimir Klitschko boxt, fehlt natürlich sein Bruder Witali, 34, nicht. Bei den Gesprächen nebenbei an den runden Tischen ließ der Ex-Champion aufhorchen. Comeback? „Jein“. Der 2005 wegen seiner vielen Verletzungen zurückgetretene Champion schließt eine Rückkehr also nicht mehr aus. „Ich denke: Oh Gott, was läuft da im Schwergewicht rum – meinen Bruder als Weltmeister ausgenommen. Das bringe ich besser. Doch wenn ich zurückkomme, dann nur in bester Verfassung. Daher möchte ich noch nicht über ein Comeback spekulieren.“ Aber Witali Klitschko ist bereits im Training.

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