Sport : „Ich bewundere Oliver Kahn“

Schalkes Stürmer Ebbe Sand über Siegermentalität, die Meisterschaft und das Saisonfinale von 2001

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Herr Sand, warum besitzt Schalke keine Siegermentalität?

Wer sagt das? Dass wir Siegermentalität haben, hat man doch am Dienstag im Pokal gegen Bremen gesehen. Zweimal haben wir die Chance verpasst, das Elfmeterschießen für uns zu entscheiden. Normalerweise verlierst du so ein Spiel dann noch. Wir haben es gewonnen.

Aber in der Bundesliga haben Sie in der entscheidenden Phase der Meisterschaft drei der letzten vier Spiele verloren.

Wir haben in dieser Saison oft genug gezeigt, dass wir ein Spiel drehen, dass wir noch gewinnen können, auch wenn es etwas schwierig aussieht. Aber Sie haben Recht: In den letzten Wochen haben wir wirklich eine große Chance verspielt. Mit sechs Punkten Rückstand auf die Bayern, eigentlich sieben wegen der Tordifferenz, ist es nicht mehr realistisch, an die Meisterschaft zu denken. Deshalb war es auch so wichtig, dass wir das Pokalfinale erreicht haben: Wir haben immer noch die Chance, einen Titel zu holen. Und wenn wir am Ende Vizemeister und Pokalsieger werden, sagen alle: Das war eine super Saison – obwohl wir leider nicht Meister geworden sind.

Ihr Manager Rudi Assauer hat gesagt, die größere Qualität der Bayern habe sich durchgesetzt. Macht es sich Schalke da nicht ein bisschen zu einfach?

Von den einzelnen Spielern ist Bayern besser als wir, das steht außer Frage. Aber was wir als Kollektiv leisten können, haben wir am Dienstag gezeigt. Wir sind richtig stark, wenn jeder für den anderen da ist, wenn wir kämpfen und aggressiv spielen. Aber wir sind noch nicht so gut, dass wir sagen können: Mit 75 Prozent schaffen wir das auch. Wir haben ja gesehen, wie das in den letzten vier Spielen schief gelaufen ist.

Wie kann das passieren?

Vielleicht hat das Unterbewusstsein dabei eine Rolle gespielt: Sieben Monate haben wir daran gearbeitet, auf den ersten Platz zu kommen. Dann schlagen wir die Bayern zu Hause, sind endlich Erster – vielleicht haben wir da gedacht: Jetzt haben wir es geschafft, jetzt sind wir am Ziel. Wahrscheinlich war das wie ein Automatismus. Aber das darf natürlich nicht sein.

Gucken Sie noch auf den Bundesligaspielplan, wer die Gegner der Bayern sind, wo sie vielleicht noch verlieren können?

Jetzt nicht mehr. Das haben wir gemacht, als wir drei Punkte hinter Bayern lagen oder punktgleich waren. Dann denkst du: Wir haben ein Heimspiel, die spielen auswärts – das ist unsere Chance.

In den vergangenen Wochen sind Sie immer wieder an das dramatische Saisonfinale von 2001 erinnert worden, als sich Schalke knapp fünf Minuten als Meister fühlen durfte und dann doch noch von den Bayern abgefangen wurde. Hat Sie das vielleicht belastet?

Nein, das war nur ein zusätzlicher Antrieb für uns. Was damals war, wird keiner von uns so leicht vergessen. Wir haben das immer noch vor Augen, und das macht uns nur noch besessener, richtig Meister zu werden. Ich hatte auch lange ein gutes Gefühl, vor allem nach dem Sieg gegen Bayern.

Und jetzt?

Jetzt fragst du dich: Wie lange wird das dauern, bis du wieder eine solche Chance bekommst? Seit 2001 sind vier Jahre vergangen. Und um Meister zu werden, muss einfach alles passen. Wir haben jetzt eine Mannschaft, die so gut ist, dass sie dauerhaft um die Meisterschaft mitspielen kann. Aber im Sommer 2006 läuft mein Vertrag bei Schalke aus, dann bin ich 34. Viele Möglichkeiten werde ich nicht mehr bekommen.

Steht es fest, dass Sie 2006 als Spieler aufhören werden?

Hundertprozentig noch nicht. Aber ich möchte nicht einfach dabei sein, nur um noch dabei zu sein. Auch wenn es nach sieben Jahren nicht leicht sein wird, Schalke zu verlassen.

Die Bayern haben eine ähnliche Situation erlebt wie Sie 2001. Das war 1999, im Finale der Champions League. Oliver Kahn hat gesagt, die Niederlage gegen Manchester United habe ihn so lange angetrieben, bis er den Pokal zwei Jahre später endlich in den Händen hielt.

Ich bewundere Oliver Kahn, ich bewundere seinen Ehrgeiz. Er alleine hat es 2001 geschafft, dass Bayern noch Meister geworden ist – weil er daran geglaubt hat, auch nach dem Gegentor in letzter Minute. Er hat sich sofort den Ball genommen, ist zur Mittellinie gerannt und hat seine Mitspieler angestachelt. Kahn ist unglaublich zielstrebig. Das finde ich super.

Kann man diese Besessenheit trainieren?

Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Ich versuche auch immer, alle mitzureißen, mache alles, um meine Ziele zu erreichen. In meiner Karriere hat das auch oft geklappt. Eigentlich habe ich alle meine Ziele erreicht. Nur diese Meisterschaft fehlt jetzt noch.

Und wenn Sie es nicht schaffen – würden Sie dann sagen: Meine Karriere ist unvollendet geblieben?

Auf keinen Fall. Noch in 50 Jahren werden die Leute über das Saisonfinale 2001 reden – und ich war dabei, leider nur als Zweiter. Aber man soll sich über die schönen Dinge freuen, anstatt sich über das zu ärgern, was nicht geklappt hat.

Sie haben aber mal gesagt, Sie würden die Bilder von 2001 erst vergessen, wenn Sie die Schale in der Hand halten.

Gott sei Dank habe ich in meiner Karriere ein paar andere Titel geholt: Ich war mit Bröndby dreimal Meister, habe mit Schalke zweimal den Pokal gewonnen. Die Sache ist nur: Wenn man so nah dran war wie wir damals, will man die Meisterschaft auch richtig feiern. Nicht nur ein paar Minuten.

Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an den 19. Mai 2001 denken?

Ich bin damals in die Kabine gerannt, und da lief im Fernsehen das Spiel der Bayern, von dem wir dachten, dass es eigentlich schon zu Ende war … Aber – ach, was soll ich darüber noch reden? Es lässt sich sowieso nicht mehr ändern.

Haben Sie sich die Bilder von damals überhaupt noch mal angeschaut?

In den letzten Wochen ließ sich das ja kaum vermeiden. Es ist aber nicht so, dass ich das unbedingt sehen muss.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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