Sport : „Ich bin der Beste vom Rest“

Sprintstar Erik Zabel über zweite Plätze, Einzelkämpfer und seinen ungewissen Start bei der Tour de France

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Herr Zabel, denken Sie noch an Ihre schlimmste Niederlage?

Manchmal. Viele denken daran. Mehr Aufmerksamkeit als im letzten Frühjahr werde ich wohl nicht mehr bekommen.

Sie sind damals beim Radklassiker Mailand – San Remo jubelnd ins Ziel gefahren, und Oscar Freire hat Sie noch überholt…

Ich habe schon auf der Ziellinie gemerkt, wie er vorbeizieht. Danach habe ich mit meinen Gefühlen kämpfen müssen.

Mit dem Gefühl, Zweiter zu sein?

Ich hatte in meiner Karriere viele knappe Rennen, aber dass ich diesen Sieg verjubelt habe, war besonders schmerzhaft. Manchmal hatte ich auch Glück. Bei einer Etappe der Tour de France war ich mit zwei Zentimetern Vorsprung vorn.

Wissen Sie genau, wie viele Rennen Sie in Ihrer Karriere gewonnen haben?

Ich glaube, es sind 192. Aber das sind nur die Straßensiege im Telekom-Trikot. Da kommen Sechstagerennen hinzu und kleinere Rundfahrten. Die genaue Zahl weiß mein Vater, er führt Buch darüber.

Weiß der auch, wie oft sein Sohn Zweiter geworden ist?

Bestimmt. Ich kann mich nur an einzelne Jahre erinnern. 1999 war ich 21-mal Zweiter, letztes Jahr 18-mal. Inzwischen versuche ich, eine Niederlage fünf Meter hinter der Ziellinie abzuhaken.

Tut es heute weniger weh?

Wenn man aus Dummheit verliert, ärgert man sich. In einem Jahr, in dem Alessandro Petacchi jede Etappe gewinnt, fällt es leichter. Ich weiß: Gegen den kommst du schwer an, du bist der Beste vom Rest. Das sind dankbare Niederlagen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis bei der letzten Tour de France?

Ich denke oft zurück an das Bergzeitfahren in L’Alpe d’Huez. An der Strecke standen Hunderttausende. Fahrer und Zuschauer haben ihre Leidenschaft geteilt.

Klingt so, als ob der Sprinter Erik Zabel gerne in den Bergen fährt.

An solchen Tagen schon. Aber wenn es vom ersten Anstieg an eine unmenschliche Qual ist, macht es niemandem Spaß.

Sind die Zuschauer wichtig, wenn man sich den Berg hinaufquält?

Bei der Spanien-Rundfahrt gibt es viele Etappen, die genauso schwer sind wie die bei der Tour. Da fahren wir fast ohne Öffentlichkeit. Das ist purer Sport.

Ist die Vuelta schöner als die Tour?

Ich fahre die Vuelta inzwischen lieber. Wir sind unter uns. Es gibt keine Fernseh-Attacken, mit denen sich Teams mit unsinnigen Angriffen profilieren wollen. Das ist Radsport wie vor 20 Jahren.

Sind Sie ein Einzelkämpfer?

Irgendwie ist jeder Berufs-Rennfahrer ein Einzelkämpfer. Das Training ist eine einsame Schufterei. Aber erfolgreich kann man nur im Team sein. Du musst geben und nehmen können.

Was geben Sie dem Team?

Ein Sprinter muss gewinnen. Siege bringen der Mannschaft Prestige, deshalb muss ich im Ziel vorne sein. Dann kann die Mannschaft sagen: Dieses Resultat haben wir uns alle gemeinsam erarbeitet.

In dem Dokumentarfilm „Höllentour“, der Ihren Alltag bei der Tour zeigt, kann man den Eindruck gewinnen, Sie sind die Sozialstation des Teams.

Nun, die Mannschaft ändert sich mit den Leuten, aus der sie besteht. Von Jahr zu Jahr wechseln die Positionen, und die Atmosphäre verschiebt sich.

Glauben Sie, dass sich in diesem Jahr Ihre Rolle im Team ändert?

Ja, sicher. Das wird von mir erwartet. Es wäre ein Trugschluss, wenn man annehmen würde, dass alles bleibt, wie es ist.

Wie sehr hat Sie die Forderung von Andreas Klöden getroffen, dass sich Ihre Mannschaft keinen Sprinter mehr leisten kann, wenn sie die Tour gewinnen will?

Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Und Andreas hat das Recht zu überlegen, wie das Team besser wird. Natürlich ist die Sache nicht angenehm für mich. Ich hoffe, dass die Forderung kein Dogma ist. Wir hatten 1997 bei der Tour mit Riis, Ullrich und Zabel drei Kapitäne. Jan hat gewonnen, und ich habe das Grüne Trikot geholt.

Wissen Sie schon, ob Sie in diesem Jahr die Tour fahren?

Wir haben 15 Fahrer, die in Frage kommen. Neun können mitfahren. Ich bin einer der 15. Ich traue mir den Start weiterhin zu. Jan Ullrich hat gesagt: Die neun Besten sollen fahren. So wird es auch kommen. Zum Glück sind bis dahin noch fünf Monate Zeit.

Wie wichtig ist Ihnen die Tour?

Wer elf Mal dabei war, will es wieder. Aber ich bin nicht fokussiert auf die Tour. Ich fahre von Februar bis Oktober an der oberen Leistungsgrenze. Das kriegen wenige Leute mit. Aber für mich zählt: Ich habe noch andere Rennen.

Sind Sie gelassener geworden?

Die Diskussion um meine Person hätte ich früher nicht so gut weggesteckt. Ich finde die Sache eher unangenehm für den Sponsor. Wir sind ja nicht der FC Bayern München, bei denen gehört Theater zum Geschäft. Und wenn es da einem Sponsor zu bunt wird, steht der nächste vor der Tür. Bei uns ist das anders, wir müssen mehr zusammenhalten.

Werden Sie vor der Tour eine Entscheidung gegen Sie akzeptieren?

Ich will mich als Teamplayer einbringen. Das wird mich hoffentlich befähigen, eine Entscheidung zu akzeptieren, die mir vielleicht nicht gefällt.

Ist die Zeit der Einzelkämpfer vorbei?

Ja, das kann man sagen. Bis der nächste Einzelkämpfer kommt.

Wie lange wollen Sie noch fahren?

Das sage ich Ihnen nicht. Aber die 200 Siege möchte ich noch voll machen.

Fühlen Sie sich gereifter, erwachsener?

Manchmal steht man mit 34 Jahren schon über den Dingen. Doch es gibt noch Situationen, da bin ich ein kleiner Junge. Wenn ich im Kreise der jungen Fahrer sitze, die sich einen Handyton nach dem anderen runterladen, dann muss ich mitlachen.

Haben Sie sich auch einen Klingelton runtergeladen?

Ja, einen. Es ist dieses neue Lied. Wie heißt das noch mal, dieses Tier?

Schnappi?

Ja, das Krokodil.

Das Gespräch führten Robert Ide und Mathias Klappenbach.

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