Sport : „Ich bin jenseits von gut und böse“

Fußball-Nationalspieler Christian Wörns über die Last des Verteidigens und seinen Umgang mit Kritik

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Herr Wörns, was ist das Schöne am Verteidigen?

Da gibt es nichts Schönes. Verteidigen ist harte Arbeit, bei der man kaum glänzen kann. Neben dem Torhüter ist das die undankbarste Position, die es im Fußball gibt. Du bist abhängig von dem, was die Neben und Vorderleute machen. Du kannst nie agieren, sondern immer nur reagieren.

Wann ist Ihnen das bewusst geworden?

Das war mir eigentlich immer schon klar.

Und trotzdem sind Sie Verteidiger geworden.

Das hat sich so ergeben. In der Jugend habe ich lange im Mittelfeld gespielt, aber letztlich entscheidet der Trainer, wo er dich hinstellt. Dem habe ich mich gefügt.

Würden Sie heute wieder Verteidiger werden?

Nein. Ich würde lieber Stürmer werden. Da kannst du 90 Minuten spielen wie eine Bratwurst, dann schießt du ein Tor – und bist der King. Genau andersherum als bei uns Verteidigern. Du kannst 90 Minuten super spielen, dann führt eine Aktion zum Gegentor – und sofort bist du der Depp.

Fehlt es Ihnen an Wertschätzung für Ihre Arbeit?

Wertschätzung gibt es schon: von den Kollegen oder vom Trainer. Die wissen ganz genau, dass ohne gute Abwehrspieler überhaupt nichts läuft. Die Wertschätzung in der Öffentlichkeit ist allerdings sehr gering.

Woran liegt das?

Weil unser Spiel einfach nicht so spektakulär ist.

Der Buhmann …

… ist immer der Abwehrspieler. Genau das ist unser Los.

Nach dem Spiel in Holland haben Sie geklagt, dass Sie da hinten immer den Dreck wegräumen müssten. Fehlt es Ihnen an Selbstkritik?

Man darf sich doch wohl noch verteidigen! Oder soll man alles jahrelang über sich ergehen lassen? Ich würde das immer wieder genauso sagen.

Aber gehen Sie vielleicht für sich selbst mit Ihrer eigenen Leistung kritischer um, als Sie es in der Öffentlichkeit tun?

Ich gehe sehr sachlich mit meiner Leistung um. Ich analysiere die Fehler, aber ich kann mich nicht immer hinstellen und alle Schuld auf mich nehmen.

Nehmen Sie sich die Kritik sehr zu Herzen?

Früher hat mich das mehr beschäftigt, mittlerweile bin ich schon jenseits von gut und böse. Ich habe mich dran gewöhnt. Fußball ist ein großes Showgeschäft. Da wird viel diskutiert. Mal ist der eine dran, dann trifft es einen anderen.

Glauben Sie, dass Sie kritischer betrachtet werden als andere Verteidiger?

Sehen Sie, ich wurde als Schuldiger für das erste Gegentor gegen Holland ausgemacht. Man hat mir vorgehalten, dass ich den Ball zur Seite hätte wegköpfen müssen. Ich war heilfroh, dass ich den Ball überhaupt gekriegt habe. Da muss man sich auch ein bisschen auf seine Nebenleute verlassen können.

Aber beim 2:0 der Holländer ist Ihnen Arjen Robben davongelaufen.

Wenn der Stürmer in vollem Tempo auf dich zukommt, kannst du als Abwehrspieler nur schlecht aussehen.

Manche sagen, dass Sie mit 33 Jahren nicht mehr der Schnellste sind.

Das ist ein Vorurteil. Ich bin so schnell, dass mir noch keiner weggelaufen ist.

Glauben Sie?

Das weiß ich. Meine Sprintwerte sind gut. In der Nationalmannschaft gehöre ich immer noch zu den Schnelleren.

Sie würden also sagen, dass das Problem nicht in der Abwehr liegt, sondern im Defensivverhalten der gesamten Mannschaft.

So ist es, aber alles fokussiert sich auf die Abwehr.

Welchen Einfluss können Sie denn von hinten, aus der Abwehr heraus, auf das Defensivverhalten Ihrer Vorderleute ausüben?

Sehr wenig. Ich kann das ansprechen, was mir im Spiel auffällt. Aber es muss generell in die Köpfe der Spieler rein, dass sie auch eine unheimliche Verantwortung für die Defensive tragen. Natürlich ist es in der Offensive angenehmer. Da kannst du schöne Aktionen initiieren.

Ganz konkret: Beim Spiel gegen Holland, haben Sie da in der Pause auf die Defizite im Defensivverhalten hingewiesen?

Da hat der Trainer gesprochen.

Jürgen Klinsmann hat sehr viele junge Abwehrspieler in die Nationalmannschaft geholt. Gefällt Ihnen das?

Es ist generell sehr positiv, dass wir jetzt einen größeren Konkurrenzkampf haben. Wenn ein Spieler verletzt ist, kann ein anderer nachrücken. Diese Breite hat uns in den vergangenen Jahren gefehlt. Wir hatten immer gute Spieler, aber wenn einer oder zwei verletzt waren, haben wir Probleme bekommen.

Der frühere Nationalspieler Thomas Berthold hat Sie im Vergleich zu den vielen jungen Spielern als Verteidiger alter Schule bezeichnet.

Ich sehe das als Anerkennung. Das bedeutet, dass man gewisse Stärken hat.

Sie stammen wie Jürgen Kohler oder die Förster-Brüder aus der legendären Waldhof-Schule. Was haben Sie in Mannheim gelernt, das Ihnen heute noch hilft? Oder andersherum: Was haben Sie damals nicht gelernt, was das moderne Spiel von einem Verteidiger verlangt?

Das Spiel hat sich nicht großartig verändert. Verteidiger müssen in erster Linie zweikampf- und kopfballstark sein, ein gutes Stellungsspiel haben und von hinten heraus einen ordentlichen Ball über 20 Meter spielen können. Ich glaube, das hab ich alles.

Sie spielen seit fast 15 Jahren für die Nationalmannschaft. Aus Ihrer Erfahrung: Haben jüngere Spieler eher einen Bonus?

Also, ich habe das Gefühl, ich hatte bei den Medien nie einen Bonus, auch als junger Spieler nicht. Bei mir wurde schon immer sehr kritisch hingesehen. Wenn ich dann sehe, wer da immer gepuscht und ins Gespräch gebracht wird, obwohl er nicht einmal im Verein seine Leistung bringt – das wundert mich immer wieder.

Wen meinen Sie?

Das werde ich Ihnen nicht sagen.

Mit welchem Verteidiger spielen Sie am liebsten?

Mit dem, der am besten drauf ist. Wer das ist, ist mir egal. Ob Robert Huth oder Per Mertesacker – beide sind sehr talentiert.

Sind Sie als der erfahrenste deutsche Verteidiger eigentlich automatisch der Abwehrchef?

Es muss nicht unbedingt einen Chef geben. Der Trainer sagt mir zwar vor dem Spiel, dass ich die Kommandos geben soll. Aber das heißt ja nicht, dass die anderen Spieler nichts sagen dürfen. Im Gegenteil. Mir ist das lieber, als wenn ich neben einem stummen Fisch spiele.

Könnten Sie sich auch vorstellen mit Valerien Ismael in der deutschen Abwehr zu spielen?

Ich verstehe diese ganze Diskussion nicht. Ismael ist Franzose. Er hat überhaupt keinen Bezug zu Deutschland. Er hat keinen deutschen Pass, er hat keine deutsche Frau … Mit Lincoln ist es genau das Gleiche. Diese Spieler bringen sich nur ins Gespräch, weil sie keine Chance sehen, für ihr Land zu spielen, aber unbedingt noch zur WM wollen.

Und wie sehen Sie Ihre eigene Chance, bei der Weltmeisterschaft zu spielen?

Im Moment fühle ich mich ganz gut. Es wird zwar viel diskutiert, aber der bessere Spieler muss erst einmal kommen.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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