Sport : „Ich bin nicht so cool, wie ich wirke“

Herthas Mittelfeldspieler Roberto Pinto über mentale Schwächen, verlorene Heimat und seinen Neuanfang in Berlin

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Herr Pinto, Sie sind Herthas Aufsteiger der Saison. Wenn wir Sie nach einem schönen Erlebnis in den vergangenen Wochen fragen…

…dann könnte ich Ihnen viel erzählen. Endlich darf ich wieder spielen! Ein ganz besonderes Erlebnis war sicherlich Aberdeen.

Das UefaCup-Spiel, als Sie mit Mühe, Not und Glück in die zweite Runde eingezogen sind?

Ja, aber ich habe von Anfang an gespielt, zum ersten Mal seit meinem Wechsel nach Berlin. Dieses Gefühl kannte ich nicht mehr. Als Trainer Huub Stevens mir gesagt hat: „Du spielst“, da hat es richtig gekribbelt.

Auf der rechten Seite zählen Sie mit ihrer Schnelligkeit und Dribbelstärke inzwischen zu den Besten bei Hertha. Das hatte man schon im letzten Jahr von Ihnen erwartet.

Ich habe das auch von mir erwartet. Aber mit dem damaligen Trainer Jürgen Röber bin ich nicht warm geworden. Dabei habe ich in der Vorbereitung unter ihm immer gespielt. Warum ich dann plötzlich draußen war, hat er mir nie erzählt. Kein Wort, nichts.

Wenn wir mal etwas Aufklärung betreiben dürfen: Bei Ihrem Dienstantritt in Berlin sollen Ihre Laktatwerte bescheiden gewesen sein. So etwas empfindet ein auf Fitness bedachter Trainer wie Röber als persönliche Beleidigung.

Wissen Sie, ich bin ein Sprintertyp, da sind die Laktaktwerte immer schlechter. Außerdem war ich vorher verletzt und bin einfach nicht fit nach Berlin gekommen. Aber ich habe meinen Rückstand schnell aufgeholt.

Röber wurde dann mitten in der Saison von Falko Götz abgelöst. Der war vorher Nachwuchskoordinator und hat junge Leute wie Thorben Marx in die Mannschaft geholt. Sie aber haben weiter auf der Bank gesessen.

Na ja, da gab es vorher die Affäre Passfoto.

Wie bitte?

Ich war gerade ein paar Tage in Berlin, da bekam ich einen Anruf aus der Geschäftsstelle. Ich sollte schnell ein Passfoto für die Amateurmannschaft vorbeibringen. Hey, ich bin für die Profis geholt worden, hab ich gesagt.

Sie haben kein Bild abgegeben…

…und das hat man mir wohl übel genommen. Aber ich kam vom VfB Stuttgart, ich habe im Uefa-Cup gespielt. Ich wollte nicht runter zu den Amateuren.

Ihr Kollege Denis Lapaczinski war sich nicht zu schade für die Oberliga.

Der ist zwei Jahre jünger, und außerdem kam er aus Reutlingen, aus der Zweiten Liga. Ich finde, da gibt es einen Unterschied. Aber ich weiß auch, dass die Amateurmannschaft wichtig ist, damit verletzte Spieler wieder Praxis bekommen.

In Stuttgart wurden Sie mehr respektiert?

Wenn ich beim VfB mal Probleme mit der Muskulatur hatte, habe ich halt die ganze Woche über nicht trainiert und am Samstag trotzdem gespielt. Mit dieser Einstellung bin ich nach Berlin gekommen und bin richtig auf dem Arsch gelandet.

Wenn es in Stuttgart so gut lief: Warum sind Sie überhaupt weggegangen?

Ich wollte den VfB nicht verlassen. Ich habe da meine Freunde, meine Familie. Aber es gab ein Problem mit dem Trainer…

…Felix Magath, auch ein Mann, der seine Spieler im Training viel und gerne laufen lässt.

Der Mann ist echt schwierig. Ich hatte beim VfB schon über eine Vertragsverlängerung verhandelt. Als ich mich aber schwer verletzte und Magath den Trainerjob übernahm, hat er mich nicht gerade zuvorkommend behandelt. Für mich war klar: Wenn Magath bleibt, muss ich weg aus Stuttgart.

Nach eineinhalb Jahren in Berlin reden Sie auffallend viel von Stuttgart.

Ich mag Veränderungen nicht so. Ich bin eher der häusliche Typ. Ich war am vergangenen Wochenende zwei Tage unten und hab mir ein Spiel von meinem kleinen Bruder angeschaut. Der spielt bei CDP Stuttgart, einem portugiesischen Amateurklub. Ein guter Techniker – aber nicht so schnell wie ich.

Sie sind sehr selbstbewusst.

Das täuscht. Ich bin nicht so cool, wie ich vielleicht wirke. Oft bin ich unsicher, glaube nicht an mich. In Stuttgart habe ich einen Mentaltrainer besucht und mir Zuspruch geholt. Der Mann hat mir damals pausenlos meine Stärken eingeredet. Das hat geholfen.

Hertha hat auch einen Mentaltrainer.

Ich hab mich noch nie mit ihm unterhalten. Ich will das jetzt nicht mehr.

Weil Huub Stevens mit Ihnen redet?

Ja, endlich ein Trainer, der mit mir redet. Ich kannte ihn vorher nicht. Ich habe mich bei Kristijan Djordjevic erkundigt, der früher mit mir beim VfB war und dann zu Schalke ging. Er hat mir ein paar Dinge über Stevens erzählt. Was man darf und was nicht.

Unter ihm durften Sie plötzlich spielen. Wird das auch in Portugal wahrgenommen?

Die Zeitungen berichten über mich, ich werde mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. Also, die Europameisterschaft 2004 in Portugal, das wär’ was. Ich kenne viele Spieler noch aus den Jugend-Nationalteams. Die spielen jetzt alle da oben. Außerdem ist Luis Figo seit Jahren mein Idol. Einmal mit dem zusammenspielen…

Sie sind in Stuttgart geboren, da hätten Sie doch auch für Deutschland spielen können.

Das war nur ein Thema in der Jugend. Rainer Bonhof hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte.

Hatten Sie aber nicht.

Doch, ich habe mich um die doppelte Staatsbürgerschaft bemüht, aber es ging nicht.

Sie hätten ja Ihren portugiesischen Pass abgeben können.

Auf keinen Fall! Auch wenn ich in Deutschland geboren worden bin und in absehbarer Zukunft nie in Portugal spielen oder leben werde: Portugiese werde ich immer bleiben.

Das Gespräch führten André Görke

und Sven Goldmann.

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