Sport : „Ich bin wie ein Deutscher im Ausland“

Oliver Bierhoff erklärt, wie es ihm als Manager der Nationalmannschaft geht, wie man ein EM-Finale gewinnt und warum Berlin schon fast das Zuhause der Nationalelf geworden ist

Herr Bierhoff, offener Wagen oder Bühne?

Sie fragen, wie wir uns in Berlin den Fans präsentieren? Mit dem offenen Wagen durch Berlin wäre schön gewesen. Mittlerweile ist es aber so, dass man nicht einfach mal sagen kann: Los, das machen wir so. Dann kommen die Aufsichtsbehörden, und wir brauchen Sicherheitskräfte, wenn der Tross bestürmt wird. Und es gibt noch viele andere organisatorische Dinge zu bedenken. Aber das kriegen wir leider nicht durch. Deshalb Bühne.

Warum fiel die Wahl auf Berlin?

Es ist uns ganz wichtig, dort zu feiern, wir freuen uns riesig darauf. Berlin ist uns durch unseren fünfwöchigen WM-Aufenthalt in der Hauptstadt ein Zuhause geworden. Dort haben uns am Ende fast eine Million Fans am Brandenburger Tor gefeiert. Jetzt wollen wir als Mannschaft noch einmal dorthin und Danke sagen. Wir haben die Begeisterung in Deutschland über Freunde und die Familie mitbekommen. Sie hat uns geholfen.

Inwiefern?

Vor den wichtigen Spielen haben wir Sequenzen zusammenschneiden lassen, das waren Szenen von den Public-Viewing-Plätzen in ganz Deutschland. Das waren Vier-Minuten-Filme, die wir dem Team vor den Spielen gezeigt haben. So etwas wirkt.

Was könnte der EM-Titel bewirken?

Für die Mannschaft wäre es die Belohnung für die harte Arbeit der vergangenen zwei Jahre. Unmittelbar nach dem verlorenen WM-Halbfinale gegen Italien ist schon in der Kabine der Funke auf alle übergesprungen. Das Gefühl war: Das kann es jetzt nicht gewesen sein, sondern: Wir wollen was holen! Ich habe gerade bei den Führungsspielern, ob jetzt bei Michael Ballack, Philipp Lahm oder Torsten Frings, gespürt, dass sie sich sagen: Wir waren so nah dran, und wenn wir jetzt weiter dran glauben, können wir den Titel ein anderes Mal holen, vielleicht schon bei der EM.

Sie wissen ja, wie man ein Finale gewinnt.

Wichtig in einem Finale ist, dass die Spieler nicht verkrampfen, dass man Mut hat. Unsere Spieler müssen ihr Herz in die Hand nehmen. Den Rest entscheidet die Tagesform.

Ist die EM nicht nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur WM 2010? Wo kann jetzt noch eine Entwicklung stattfinden?

Es wäre schlimm, wenn wir jetzt anhalten würden. Auch diese Mannschaft ist noch entwicklungsfähig. Es gilt, sie personell ständig zu erneuern und zu verbessern. Es wäre schön, wenn wir so eine Art Zyklus eröffnen könnten, der mit dem Confed-Cup 2005 begonnen hat und jetzt nicht nur zwei, drei Jahre dauern darf. Die Mannschaft kann mehr Stabilität gebrauchen, so dass solche schwächeren Leistungen wie gegen Kroatien und auch gegen die Türkei nicht mehr auftreten. Diese Mannschaft wird weiter wachsen und daran arbeiten wir 365 Tage im Jahr.

Das heißt, Sie sind noch nicht am Ziel?

Wir müssen einmal betrachten, wo wir vor vier Jahren nach der deprimierenden EM in Portugal standen. Das Ansehen der Nationalmannschaft lag am Boden. Seitdem haben wir an drei Turnieren teilgenommen, wir waren zweimal Dritter und stehen jetzt im Finale. Ich sehe bei uns fast nur Gewinner.

Der Eindruck, der sich einem aufdrängt, ist dieser: Die Nationalelf wird von Millionen gefeiert. Sie, der Sie als Manager dafür mitverantwortlich sind, scheinen von diesem Glanz völlig abgekoppelt.

Sie haben Recht, die Sympathiewerte der Nationalmannschaft sind kaum zu steigern und auch Jogi Löw wird zurzeit der beliebteste Deutsche sein. Damit habe ich eines meiner Ziele als Manager erreicht. Die notwendigen Veränderungen haben aber nicht alle erfreut. Da entstehen dann auch mal Konflikte und da stehe ich als Manager an der Front.

Sie rempeln bewusst?

Ich rempele nicht bewusst, um zu rempeln. Ich rempele bewusst in dem Sinne, dass das, was ich sage und tue, manchmal auch rempeln bedeutet. Das nehme ich aber in Kauf.

Niemand möchte angefeindet, sondern geliebt werden oder zumindest beliebt sein. Wie geht es Ihnen?

Vielleicht geht es mir wie den Deutschen im Ausland. Sie werden nicht bedingungslos geliebt, aber sie werden respektiert. Und es ist auch nicht unbedingt mein Ziel, überall beliebt zu sein. Zudem ist es das Witzige, dass man mir früher vorgeworfen hat, ich wäre zu diplomatisch, ich wäre einer, der zu allem Ja und Amen sagt. Ich glaube, wenn man einen gewissen Erfolg hat, kann man nicht überall beliebt sein.

Sie werden vorwiegend aus der Fußballwelt kritisiert. Rudi Völler riet Ihnen zum Arztbesuch, weil Sie doch Schmerzen haben müssten, von all dieser Sich-auf-die-Schulter-Klopferei. Spielt da Neid eine Rolle?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Zu wesentlichen Vertretern des Klubfußballs habe ich ein gutes Verhältnis. Beim nächsten Treffen mit Rudi Völler werden wir die Dinge aus dem Weg räumen.

Liegt es vielleicht auch daran, dass das Aushängeschild der Nation nicht der FC Bayern, Bremen oder Schalke, sondern die Nationalmannschaft ist?

Schwere Frage. Ich denke, dass die Nationalmannschaft das Land sehr gut vertritt und darstellt. Ich kann mir schon vorstellen, dass diese Dinge eine gewisse Wirkung bei bestimmten Leuten hinterlassen. Nehmen wir doch mal die Kaderpräsentation auf der Zugspitze. Es hieß: Muss das sein? Dazu kann man stehen, wie man will. Ich bin der Letzte, der sagt, das musste sein. Aber nun geht unsere Bergtour zu Ende und der Kreis schließt sich in Wien – dies ist der Gipfel, auf den wir immer wollten.

War die Zugspitze Ihr Einfall?

Nein, ich wollte an den Bodensee – eine Schifffahrt war im Gespräch. Das hätte für die drei Länder Österreich, Schweiz und Deutschland etwas Verbindendes gehabt. Das war aber aus verschiedenen Gründen nicht realisierbar. Dann haben wir intern diskutiert, und unsere Mediendirektion hatte die Idee mit der Zugspitze. Ich sagte sofort: Ja, das ist doch toll. Es passte zur Bergtour, die wir schon vorher ausgerufen hatten. Man steht da oben und schaut in die Gastgeberländer.

Nun steht die Mannschaft im Finale. Spüren Sie eine innere Zufriedenheit, es den Kritikern gezeigt zu haben?

Ich habe mir nie vorgenommen, es den Kritikern zeigen zu wollen, sondern will immer meine Arbeit gut machen. Nehmen wir die Medien, die machen ihre Arbeit, und zu dieser gehört es, kritisch zu hinterfragen. Klar, habe ich mich über einige Saltos gewundert, die da geschlagen wurden. Zum Beispiel, dass nach der Niederlage gegen Kroatien plötzlich alles in Frage gestellt wurde. Für konstruktive Kritik bin ich immer aufgeschlossen. Meine Aufgabe ist es aber, die Mannschaft voranzubringen. Und da fällt mein persönliches Fazit positiv aus.

Was werden Sie nach dem Finale machen?

Erst einmal eine Woche lang alles aufarbeiten. Am 4. Juli ist dann eine DFB-Präsidiumssitzung, dort werde ich dann über die EM berichten. Dafür werde ich natürlich auch die Gedanken der letzten Tage aufnehmen, solange sie frisch sind. Ich habe ja schon während der EM eine Liste angefangen mit Themen, die wir jetzt angehen müssen.

Zum Beispiel?

Da gibt es etwas, was mich sehr beschäftigt. Wir hatten ja im Vorfeld und während des Turniers wenig Zeit für unsere Fans. Da wollen wir etwas zurückgeben. Berlin wird nicht die einzige Aktion bleiben. Ich denke an einen Tag der offenen Tür des DFB mit Fußballschule und DFB-Trainern und natürlich an ein offenes Training der Nationalmannschaft.

Wann und wo soll es dazu kommen?

Das kann ja eigentlich nur in der zeitlichen und örtlichen Nähe zu einem Länderspiel stattfinden. Vielleicht schon im August, vor unserem ersten Spiel nach der EM in Nürnberg gegen Belgien.

Reicht Ihr Interesse an Ihrem Job, um Ihren Vertrag über 2010 hinaus zu verlängern?

Bei mir besteht nicht das Bedürfnis, so weit zu denken. Letztendlich sitzt man als Manager der Nationalmannschaft da, und sagt sich: Du musst es so machen, wie du es für richtig hältst. Wir haben ja die Möglichkeit, viele Dinge so zu machen, wie wir wollen. Wir haben finanzielle Ressourcen, wir haben viele Partner und Freunde, weil wir die Nationalmannschaft sind. Ich habe viele Bekannte von Firmen, die etwas machen wollen, die uns sofort unterstützen wollen.

Gerade auch deswegen geraten Sie ins Blickfeld der Kritiker.

Ich bitte Sie, das ist doch völlig abwegig. Kontakte zu haben und zu pflegen und für den DFB zu nutzen, ist ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Ich wurde für das teure EM-Quartier kritisiert. Für die Umgestaltungen dort, die wir im Interesse der Spieler und der Dauer ihres Aufenthaltes organisierten, dafür bezahlen wir nicht einen Cent. Vor meiner Zeit wurden beispielsweise für Kleider oder Koffer noch bezahlt. Heute erhalten wir zu diesen Sachleistungen für die Mannschaft zusätzlich noch Geld. Wo ist da ein Problem?

Die EM war so teuer wie kein Turnier zuvor.

Ja, die Aufwendungen waren hoch aber bitte nehmen Sie auch das zur Kenntnis: Was wir als Nationalmannschaft für den Verband finanziell erzielen, ist über jede Kritik erhaben. Und wenn Sie es genau wissen wollen: Bei der Weltmeisterschaft 2006 haben wir einen Gewinn von 5,5 Millionen Euro erwirtschaftet, davon profitierte der gesamte deutsche Fußball und auch diesmal wird es einen Gewinn geben, egal ob das Finale gewonnen wird.

Wie lauten Ihre Ziele für die nächsten zwei Jahre?

Wir wollen mit der Nationalmannschaft in unserem Land präsent sein und sie als Marke auch international noch besser positionieren. Das bedeutet aber auch, dass die Trainer die Mannschaft sportlich entwickeln, und dass ich – mit dem Team dahinter – Bedingungen kreiere, die diesen Fortschritt ermöglichen. Beispielsweise wird der amerikanische Fitnesstrainer Shad Forsythe mehr Präsenz in Deutschland zeigen. Er wird den Dialog zur Liga suchen, speziell mit den Vereinen, in denen die Nationalspieler sind. Wir wollen die teilweise noch bestehende Distanz zwischen den handelnden Personen der Vereine und der Nationalmannschaft noch einmal verkleinern.

Was raten Sie Ihrem Freund Jens Lehmann nach der Europameisterschaft?

Ich würde ihm raten, sich zu fragen, wie seine Lebensplanung generell ausschaut. Man kann nur die Leistung bringen, wenn man mit dem Kopf zu einhundert Prozent dabei ist. Er muss sich fragen: Habe ich noch das Feuer? Das zweite ist, wie viel Zeit will er für die Familie aufbringen. Er ist jetzt 38. Ich habe damals aufgehört, obwohl ich körperlich noch ein, zwei Jahre hätte spielen können. Ich habe es gemerkt, als ich zum Training fuhr und mich gefragt habe: Was mach ich eigentlich hier?

Schön, wenn man das bemerkt, oder?

Ja. Die Verlockung, dabei zu bleiben, ist immer groß. Fußball ist für viele der tollste Teil ihres Lebens. Und es gibt die Angst, was danach kommt. Ich bin froh, dass ich damals den Schritt gegangen bin. Ich würde Jens raten, keine Angst zu haben oder unnötig festzuhalten, sondern die Kraft zu finden, einen Entschluss zu treffen. Und wann immer er aufhört: danach sollte er sechs Monate keine Verpflichtungen eingehen, mindestens.

Herr Bierhoff, im Viertelfinale erlitt Frau Lehmann einen Schwächeanfall. Ist Ihre Frau eigentlich schon mal umgekippt während eines Spiels?

Nein, aber sie ist jetzt viel nervöser als zu meiner aktiven Zeit.

– Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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