Sport : „Ich habe mir ein paar Spieler gegriffen“

Oliver Kahn über Motivation, Einsicht und die Partie gegen Schottland

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Herr Kahn, Sie haben schon vor dem Spiel gegen Island gesagt, dass es jetzt ernst werde. Das haben wohl nicht alle verstanden. Gegen die Schotten wird der Druck noch größer sein. Wird die Mannschaft damit zurechtkommen?

Für einen Fußballer sind das doch die einfachsten Spiele überhaupt. Man muss sich nicht groß um Konzentration und Motivation kümmern oder extra Spannung aufbauen – die ist von Grund auf vorhanden. Ich bin in solchen Situationen eigentlich immer sehr ruhig. Und wer jetzt nicht merkt, dass wir noch zwei Finalspiele haben, dem kann man sowieso nicht mehr helfen.

Die Schotten haben also gar keine Chance, in Dortmund zu gewinnen?

Damit beschäftige ich mich eigentlich weniger. Ich beschäftige mich damit, dass wir gewinnen und uns für die Europameisterschaft qualifizieren. Aber es gibt für uns überhaupt keinen Grund, jemanden zu unterschätzen. Wir wissen, dass die Schotten hoch motiviert auftreten werden. Darauf sind wir vorbereitet.

Glauben Sie, dass Rudi Völlers Ausbruch die Mannschaft wachgerüttelt hat?

Natürlich ist ganz Deutschland gespannt, wie jetzt unsere Reaktion aussehen wird. Aber wachgerüttelt? Ich weiß nicht. Es geht um die Qualifikation für die Europameisterschaft. Das ist doch das, was jeder Spieler einmal erleben will.

Rudi Völler hat gesagt, es komme gegen die Schotten vor allem auf die Einstellung an, nicht so sehr auf die Taktik und die Aufstellung.

Natürlich reden wir auch über taktische Dinge und über die richtige Aufstellung. Das sind Basics. Und muss ich jetzt noch jemanden auf die richtige Einstellung hinweisen? Tut mir Leid, da komm ich nicht mehr mit.

Sie haben nach dem IslandSpiel gesagt, Sie wollten mit der Mannschaft reden. Was haben Sie ihr gesagt?

Ich muss nicht mit der Mannschaft reden. Ich habe mir ein paar Spieler gegriffen, wenn i ch sie im Massageraum getroffen habe oder auf dem Flur. Ich bin kein Freund von diesen ganzen Alibiveranstaltungen, bei denen die ganze Mannschaft zusammensitzt und wo blödsinnige Plattitüden rausgehauen werden.

Zum Beispiel?

So etwas wie: Auf geht’s, Männer, wir müssen hier Gras fressen! Dieser Plattitüden-Zirkus ist nicht meine Art. Jemanden auf die Wichtigkeit des Spiels hinzuweisen – da käme ich mir lächerlich vor.

Viele fühlen sich an das entscheidende WM-Qualifikationsspiel vor zwei Jahren erinnert, an den 4:1-Sieg gegen die Ukraine – auch im Westfalenstadion.

Das kann man schon miteinander vergleichen. Damals haben wir enorm unter Druck gestanden, aber zusammen mit den Zuschauern ist es zu einer wahren Leistungsexplosion gekommen. Es ist also durchaus sinnvoll, sich an dieses Spiel zu erinnern und die positiven Dinge da rauszuziehen.

Aufgezeichnet von Stefan Hermanns.

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