Sport : „Ich hätte nicht gedacht, dass einer noch so blöd ist“

Der deutsche Radsport-Präsident Rudolf Scharping über Floyd Landis, Jan Ullrich und die Dopingbekämpfung durch Sport und Staat

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Herr Scharping, eine Dopingprobe von Floyd Landis ist positiv. Überrascht Sie das?

Ich hätte eigentlich nicht gedacht, dass einer noch so blöd ist. Aber beim Team Phonak gab es ja schon mehrere Fälle, Tyler Hamilton, José Gutierrez …

Was heißt das für den Radsport?

Das heißt zunächst, dass Landis den Toursieg verliert, alle Preisgelder zurückgeben muss und Andreas Klöden auf den zweiten Platz rückt. Es ist auch die Chance, endlich Tabula rasa zu machen. Doping bringt den ganzen Sport in Misskredit.

Die Liste der Betrüger im Radsport ist lang. Richard Pound, der Vorsitzende der Welt-Anti-Dopingagentur Wada, hat dem Internationalen Radsportverband UCI vorgeworfen, den Kampf gegen Doping zu vernachlässigen und außerhalb des Wettkampfs nicht genügend zu kontrollieren.

Das ist falsch, weil es keine einzige Sportart gibt, die ein so engmaschiges Kontrollnetz hat und so scharfe Sanktionen bis hin zum Berufsverbot. Und der aktuelle Fall zeigt doch, dass die Kontrollen greifen. Übrigens: Es war die UCI, die vom Verdacht gesprochen hat, dass in Spanien systematisch gedopt werde. Der erste Brief stammt von 2004 und ging an die spanischen Behörden. Später hat der jetzige UCI-Präsident nochmal eindeutige Hinweise gegeben, dabei ist auch der Name des Arztes Fuentes einschließlich Telefon- und Faxnummer genannt worden.

Sind Sie persönlich enttäuscht von Jan Ullrich, der offenbar Kunde von Fuentes war?

Ja klar! Vor allem, da wir uns kennen und häufiger begegnet sind. Natürlich war meine erste Reaktion: Scheiße, das kann nicht sein, das hat er doch gar nicht nötig. Aber schon nach einer Stunde Telefonierens war mir klar: Die Hinweise sind so dicht und so schwerwiegend, dass es eine andere Entscheidung als eine Suspendierung vor der Tour gar nicht geben konnte.

Wie erklären Sie sich, dass Ullrich zum Doping gegriffen haben soll?

Das muss er mit seinem Umfeld besprechen.

Haben Sie sich selber einen Reim darauf gemacht?

Jedenfalls keinen, über den ich öffentlich reden würde.

Haben denn die Radsportteams und die Wirtschaftsunternehmen dahinter beim Doping nicht zu lange weggeschaut?

Nein, denn es ist ja immer ein Wettlauf zwischen Betrugsmethoden und ihrem möglichen Nachweis. Und dem verbotenen Doping mit Eigenblut kann man nur auf die Spur kommen, wenn man ein individuelles Blutprofil des einzelnen Sportlers hat. Dann muss man nicht auf weitere Nachweismethoden warten, sondern hat klare Verdachtsmomente. Die lassen sich aber nur dann hieb- und stichfest erhärten, wenn man die Möglichkeit hat, auf einen Arzt, auf einen Physiotherapeuten, ein Labor zuzugreifen. Diese Möglichkeit gibt es derzeit in Deutschland leider nicht.

Was muss der Staat also leisten?

Wenn ich die Unterstützung des Gesetzgebers einfordere, sage ich doch zugleich, dass der Sport seinen Teil der Aufgabe erfüllen muss, sonst kann er nicht glaubwürdig nach dem Staat rufen. Zur Aufgabe des Sports gehört, klare Regeln durchzusetzen, zum Beispiel, indem man eben für jeden Sportler ein individuelles Profil seiner Blutwerte entwickelt und hinterlegt, natürlich auch international. Dann kann man bei einem begründeten Verdacht oder positiver A-Probe dem Ganzen nachgehen. Im Radsport müsste das zur Bedingung für eine Profilizenz eines Sportlers wie auch eines Teams gemacht werden. Der Gesetzgeber muss sich die Hintermänner vornehmen, die mit krimineller Energie und teilweise mafiaartigen Strukturen Handel mit Dopingmitteln betreiben. Ich sehe nicht ein, warum die Polizei in Frankreich, in Spanien, Italien oder Belgien gegen solche Dopingringe vorgehen kann, in Deutschland aber nicht – falls das jemals nötig sein sollte.

Das lässt das Arzneimittelgesetz nicht zu.

Das stimmt, es sagt aber auch, dass die Bildung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften nicht ausreicht. In meinen Augen haben wir ein deutliches Regelungsdefizit, das sage ich schon seit Jahren.

Hätten Sie nicht als Mitglied der Bundesregierung auf eine staatliche Dopingbekämpfung hinwirken können?

Das habe ich versucht, auch schon vor 1998. Aber da ist der jeweilige Innenminister federführend. Der sah das anders, auch im Sport waren viele dagegen. Dahinter hat sich mancher gerne versteckt – übrigens auch in meiner Partei, obwohl die Forderung nach gesetzlichen Maßnahmen seit Jahren in den Programmen steht.

Wie weit sollte der Staat bei der Dopingbekämpfung gehen? Sollte auch der Besitz von Dopingmitteln bestraft werden?

Der Besitz, die Weitergabe, der Handel – all das muss sanktioniert werden.

Also soll auch der Staat gedopte Athleten bestrafen?

Zuerst kommt der Sport, wie es gerade der Europäische Gerichtshof bestätigt hat. Im Grunde kann sich der Athlet nur selber kriminalisieren. Nur wenn der Sport alle seine Maßnahmen ausschöpft, kann er vom Staat glaubwürdig Unterstützung verlangen. Diese Unterstützung muss kommen und zwar noch dieses Jahr.

Über staatliche Maßnahmen gegen Doping und seine Hintermänner wird schon seit Jahren gesprochen. Was können Sie denn als Verbandspräsident tun, um ein Gesetzesverfahren zu beschleunigen?

Es gibt eine Übereinstimmung zwischen einigen Präsidenten von Spitzensportverbänden, aus dem Radsport, der Leichtathletik, dem Triathlon beispielsweise. Über alles Weitere redet man nicht öffentlich. Denn da sind Ankündigungen eher schädlich als nützlich. Ich weiß nur, dass wir im Radsport am nächsten Wochenende zusammensitzen und dass wir das Ziel haben, bis spätestens Ende September eine gemeinsame Position zu haben. Eine sehr konkrete.

Und was können Sie als ehemaliger Spitzenpolitiker tun, um das Verfahren zu beschleunigen?

Natürlich gibt es Gespräche mit sehr vielen in der Politik. Aber Tatsache ist, dass der Deutsche Bundestag erst im September wieder seine Arbeit aufnimmt. Bis dahin müssen wir auf der Seite des Sports einig sein, das ist mein Ziel.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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