Sport : "Ich schwebe über der Erde und will nicht mehr zurück"

Frau Graf, wie überrascht sind Sie selbst über Ihren 22. Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier?



Es ist einfach wahsinnig aufregend, was ich da geleistet habe. Meine Mutter hat nach dem Finale zu mir gesagt: Steffi, wenn es so ausgeht, kannst du gerne noch ein paar Mal auf meinen Nerven herumtrampeln. Im Grunde hatten mich alle abgeschrieben, ich mich selbst ja auch. Aber ein Fünkchen Trotz hatte ich mir aufgehoben, als es böse aussah im zweiten Satz. Nach dem Motto: Du hast keine Chance, also nutze sie.



Sie erledigen die Wunder, wie Ihr Trainer Heinz Günthardt sagt, "mit schöner Regelmäßigkeit".



Der Sieg gegen Martina kam wirklich aus dem Nichts. Ich habe einen ganz dünnen Strohhalm ergriffen und mich gerettet. Das Finale war der Höhepunkt dieser abenteuerlichen und verrückten Monate, ein unvergeßlicher Moment. Aber hinter dem Comeback stecken natürlich auch viele Entbehrungen. Die ganzen Schmerzen und Sorgen habe ich auch nicht vergessen.



Wieviel intensiver kann man einen solchen Sieg genießen, wenn man die Leidenszeit der Jahre 1997 und 1998 vor Augen hat?



Diese Freude kann ich keinem beschreiben. Um diese Gefühle verstehen zu können, muß man diese schwarzen, total finsteren Tage erlebt haben.



Vor fast genau zwölf Monaten wollten Sie sogar mit dem Tennis aufhören.



Ich steigere mich immer schnell in so eine Panik herein und mache mich selbst verrückt. Dann wälze ich viele Fragen hin und her und habe regelrecht das Gefühl, überzulaufen. Damals fühlte ich mich hundeelend, spielte katastrophales Tennis und stellte mir also die Frage, ob ich eigentlich noch den großen Spaß dabei habe . . .



oder lieber ganz den Schläger hinschmeiße?



Jedenfalls habe ich für einige Tage Tennis sehr in Zweifel gezogen.



Dann muß es Ihnen wirklich nicht gut gegangen sein.



Naja, es hat mir einfach keinen Spaß mehr gemacht, weil ich jede Lockerheit verloren hatte. Ich war gar nicht mehr ich selbst, sondern unglaublich nervös und voller negativer Gedanken. Selbst die kleinen Dinge im Tennis, die sonst instinktiv laufen, liefen nicht mehr. Ich verlor einfach den Überblick.



Mit 106 Turniersiegen und 21 Grand Slam-Erfolgen im Rücken hätten Sie doch gelassener an die Dinge herangehen können.



Es war schwer für mich, das leicht zu nehmen. Mein Problem ist ja immer gewesen, daß ich mich zu stark mit mir auseinandersetze und zu hohe Ansprüche an mich habe.



Das hört sich an, als störe Sie Ihr eigener Perfektionismus, Ihr Ehrgeiz?



Nein, denn ohne diesen Antrieb wäre ich wahrscheinlich nur eine Durchschnittsspielerin geworden und hätte keine 22 Grand Slams gewonnen. Dann wäre ich nicht Steffi Graf.



Und dieser 22. Titel in Paris ist nun der schönste aller Siege?



Keine Frage. Wenn man überlegt, aus welcher Situation ich gekommen bin, ist das mit Abstand der wunderbarste Erfolg. In so einem Augenblick schwebe ich über der Erde und will nicht mehr auf den Boden zurück.



Warum machen Sie nach einem solchen Höhepunkt Ihrer Karriere nicht gleich ganz Schluß?



Weil ich ganz konkret den Tagen von Wimbledon entgegenfiebere. Dort will ich auch großes Tennis zeigen. . . .



und bei einem Sieg auch Auf Wiedersehen sagen?



Da liegen Sie vielleicht nicht ganz so falsch. Man kann bei jedem Turnier aufhören, wenn man glaubt, das Schönste ist vorbei. In Paris ist das so gewesen.



Sie könnten sich innerhalb von ein paar Monaten aufs Altenteil siegen.



Länger als etwa zwei, drei Jahre werde ich so oder so nicht mehr spielen. Ich werde den richtigen Moment nicht verpassen.



Wie süß war der Erfolg über eine Spielerin wie Martina Hingis, die nicht gerade viel Respekt vor Ihrem Tennis-Lebenswerk gezeigt hat?



Diese Respektlosigkeit haben viele Spielerinnen zu spüren bekommen. Sie muß sich schon fragen, ob sie sich damit nichts ins Abseits stellt. Aber ich habe keine Revanche- oder Rachegefühle verspürt, weil ich zu solchen Empfindungen im Tennis nicht fähig bin. Das ist nur ein Spiel, mehr nicht. Außerdem glaube ich, und das habe ich in meiner Ansprache gesagt, kann Sie noch ein paar Mal in Ihrer Karriere in Paris gewinnen.



Waren Sie mit 18, 19 Jahren ähnlich aggressiv gegenüber Spielerinnen wie Martina Navratilova oder Chris Evert?



Aggressiv schon. Aber ich war nie hochmütig oder vermessen. Ich suchte die Entscheidung im Wettkampf und habe die Niederlage, wenn auch schweren Herzens, akzeptiert. Man sollte sich nicht anschließend auch noch hinstellen und dauernd erklären, daß man eigentlich die Bessere war.



Was Martina Hingis am Sonnabend getan hat?



Nun ja, ich glaube, zumindest diese Lektion hat die Martina dann noch nicht ganz begriffen.



Sie bereiten sich jetzt zügig auf Wimbledon vor. Dort wollen Sie mit John McEnroe auch Mixed spielen.



Und hoffentlich gewinnen. Nein, das werden sicherlich ein paar Momente sein, wo man in einem solch großen Wettbewerb das Tennis einfach genießen kann. Wo man die Chance hat, den vielleicht genialsten Tennisspieler aller Zeiten an seiner Seite zu haben. Es wird mit Sicherheit eine herrliche Zeit werden in Wimbledon.

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