Sport : Idealismus und Naivität

IOC-Präsident Rogge räumt erstmals Fehler ein

Benedikt Voigt[Peking]

Eigentlich war sein erster Besuch im Pressekonferenzsaal Nummer zwei für Sonntagabend angekündet. Doch gegen 19 Uhr machte gestern Abend die Nachricht die Runde, dass der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, unplanmäßig einen Tag früher erscheinen werde. Weil er in der Affäre um die Internet-Zensur ein Machtwort sprechen wollte? Weil er seine angeschlagene Position stärken wollte? Oder weil er eine dringende Nachricht zu verkünden hatte. „Wir hatten heute eine sehr effektives Treffen des Exekutiv-Komitees und sind früher fertig geworden“, sagte Rogge, „deshalb bin ich jetzt schon hier“.

Bei seinem ersten Auftritt vor den Olympischen Spielen in Peking blieb Jacques Rogge defensiv, gestand allerdings im Umgang mit dem Pekinger Organisationskomitee Bocog Naivität ein. „Wir sind Idealisten, und Idealismus kann immer zu einer gewissen Naivität führen“, sagte er. Er hatte vor kurzem noch von „vollständigem und unzensierten Zugang“ zum Internet gesprochen. Gestern stufte er die Forderung des IOC herunter, es habe stets „größtmöglichen Zugang zum Internet“ verlangt. Ein Kurswechsel habe nicht stattgefunden.

In der vergangenen Woche waren im Hauptpressezentrum zahlreiche Webseiten wie in China üblich geblockt, erst nach Intervention des IOC ist die Zensur bei der Organisationen wie „Amnesty International“ oder „Human Rights Watch“ gelockert worden. „Ich freue mich, heute zu sehen, dass die Medien im Hauptpressezentrum und den Olympischen Stätten in ganz China Zugang zu den Webseiten von BBC International, Wikipedia und anderen Nicht-Regierungsorganisationen haben“, sagte Rogge. Weiterhin sind allerdings Internetseiten wie jene der US-Menschenrechtsgruppe „Human Rights in China“ blockiert. Der aktuelle Zustand scheint der gegenwärtig in China „größtmögliche Zugang“ zu sein. Inzwischen haben das IOC und Bocog eine Arbeitsgruppe eingesetzt. „Sie wird jede einzelne Webseite einzeln untersuchen“, sagte Kevan Gosper, Chef der IOC-Pressekommission, „das Internet-Thema ist damit gelöst.“

Rogge lobte die chinesischen Organisatoren für ihre ausgezeichnete Arbeit. „Ich war gestern im olympischen Dorf, es ist in jeder Hinsicht das beste olympische Dorf aller Zeiten.“. Er bereue nicht, die Spiele nach China vergeben zu haben, und wollte sich auch nicht länger über das Internet Gedankien machen. „Ich bin sicher, dass sich nach der Eröffnungsfeier die Magie der Spiele und die reibungslose Organisation durchsetzen werden“, sagte Rogge. Das freilich könnte ebenfalls naiv sein.

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