Sport : Ihr ganz eigener Kopf

Judith Arndt strapaziert bei der Straßenrad-WM mit ihrer Goldfahrt einmal mehr die Nerven ihres Teams

Tom Mustroph
Wieder allen gezeigt. Bei Olympia in Athen zeigte Judith Arndt ihren Frust über eine Funktionärs-Entscheidung (u.). In Kopenhagen hatte sie keinen Grund, sich zu ärgern.Foto: dapd, ddp
Wieder allen gezeigt. Bei Olympia in Athen zeigte Judith Arndt ihren Frust über eine Funktionärs-Entscheidung (u.). In Kopenhagen...Foto: dapd

Berlin - Bloß nicht hören, was die Bosse sagen. Ohne Funkkontakt mit dem Begleitwagen raste Judith Arndt zu Zeitfahr-Gold in Kopenhagen. „Ich brauche niemanden, der mich motiviert, der mir Ratschläge erteilt oder mich antreibt“, sagte die 35-jährige gebürtige Königs- Wusterhausenerin nach ihrem Triumph. Sie habe sich ganz auf ihren Körper konzentriert, sich bemüht, einen guten Rhythmus zu halten und geschmeidig um die vielen Kurven auf dem Stadtkurs zu kommen, fügte sie hinzu. Stimmen im Ohr hätten sie da nur abgelenkt.

Dies spricht für eine selbstbewusste Athletin. Und tatsächlich gibt es kaum eine Radsportlerin, die erfahrener und so kontinuierlich gut in vielen Disziplinen ist wie diese blasse blonde Frau. Sie holte Olympiamedaillen auf Bahn (1996) und Straße (2004). Sie begann vor 14 Jahren ihre Kollektion an Regenbogentrikots in der Einerverfolgung, legte sieben Jahre später im Straßenrennen nach und rundete die Bilanz jetzt im Zeitfahren ab, dazwischen gab es dreimal WM-Silber.

„Ich bin so froh, dass es jetzt endlich mit dem Titel geklappt hat. Ich schien ja zuletzt auf zweite Plätze abonniert zu sein“, sagte Arndt. In aller Euphorie fasste sie bereits das nächste neue Regenbogentrikot ins Auge: Bei der WM 2012 im niederländischen Valkenburg wird erstmals ein Teamzeitfahren ausgetragen. „Dazu braucht man gute Einzelzeitfahrerinnen“, blickte sie voraus.

Arndts ungewöhnliche Entscheidung, auf Funkkontakt zu verzichten, ruft auch in Erinnerung, dass die Rennfahrerin sich in der Vergangenheit falsch beraten fühlte von der sportlichen Leitung. Der größte Konflikt ereignete sich bei Olympia 2004. Der Bund Deutscher Radfahrer hatte Arndts damalige Lebenspartnerin Petra Roßner nicht ins Aufgebot berufen. Aus Wut über die Nichtnominierung ihrer Freundin – die damals eine der stärksten Sprinterinnen der Welt war – sowie über eine ihrer Meinung nach falsche Teamtaktik schmiss die Silbermedaillengewinnerin Arndt noch vor Überqueren der Ziellinie ihre Handschuhe auf den Asphalt und zeigte den Funktionären via Fernsehen den nackten Stinkefinger.

Arndt wurde damit nicht so berühmt wie Stinkefinger-Kollege Stefan Effenberg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1994. Später bedauerte sie ihren Temperamentsausbruch auch als „nicht vereinbar mit meiner Vorbildrolle als Leistungssportlerin“. Aber sie bewies doch Leidenschaft und einen eigenen Kopf.

Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verhalf ihr auch zum Triumph in Kopenhagen. Bei einer Analyse der letzten Rennen des auf Zeitfahren geradezu spezialisierten Rennstalls HTC Highroad kam heraus, dass ihre Konkurrentinnen die erste Runde zu schnell angingen. Also hielt Arndt sich zurück, wurde auch nicht von störenden Stimmen aus dem Kopfhörer aus der Balance gebracht und drehte in der zweiten Runde auf. „Ich wusste, dass ich dort noch etwas zum Zusetzen habe“, erklärte sie im Ziel.

Jetzt peilt Judith Arndt, die zwischen München und der australischen Heimat ihrer neuen Lebenspartnerin pendelt, die Olympischen Spiele 2012 in London an. Und dort vielleicht einen Doppelstart auf Bahn und Straße. „Mir schwirrt der Gedanke im Kopf herum, dass ich meine Karriere auf der Bahn, wo sie begonnen hat, beschließen will“, sagte sie. Wie gut sie auf der Bahn noch ist, will sie bei den deutschen Meisterschaften Anfang Oktober in Berlin herausfinden. Vorher steht noch auf dem Programm, ihrer Teamkollegin Ina-Yoko Teutenberg zum Erfolg im Straßenrennen in Kopenhagen zu verhelfen.

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