Sport : „Im Bielefelder Knast war ich noch nicht“

Wie bereitet man sich auf das Gefängnis vor? Ein Gespräch mit Graciano Rocchigiani

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Graciano Rocchigiani war Box-Weltmeister im Halbschwergewicht. Er kämpfte vor einem Millionenpublikum an den Bildschirmen gegen Dariusz Michalczewski und Henry Maske – aber auch immer wieder gegen sich selbst und die Justiz. „Rocky“, wie ihn die Fans nennen, erstritt gegen den Boxverband WBC 31 Millionen Dollar Schadenersatz (weil der ihm seinen Titel stahl) und wurde mehrfach zu Freiheitsstrafen (Fahren ohne Führerschein und unter Alkoholeinfluss, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) verurteilt. Während das Boxgeschäft boomt und Alt-Stars wie Axel Schulz oder Henry Maske millionenschwere Comebacks geben, muss Rocchigiani ins Gefängnis. Spätestens am morgigen Donnerstag soll er in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne eine neunmonatige Haftstrafe antreten. Der frühere Fußballprofi Jürgen Rollmann, im vergangenen Jahr Koordinator der Bundesregierung für die Fußball-WM und jetzt wieder als Journalist tätig, sprach kurz vor Rocchigianis Haftantritt mit dem früheren Boxer, der seinen Lebensmittelpunkt von Berlin nach Duisburg verlegt hat.

Herr Rocchigiani, wie war die große Abschiedsfeier von der Freiheit?

Die hat nicht stattgefunden.

Warum nicht?

Es gibt keinen Grund zu feiern. Das lässt mich alles nicht kalt, ist doch wohl klar. Ich weiß nicht, was kommt, im Bielefelder Knast war ich noch nicht.

Die Vorbereitung auf einen Kampf kennen Sie. Wie bereitet man sich eigentlich auf den Knast vor?

Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Was weiß ich denn, wen ich in der Zelle treffe. Am meisten Angst hab ich vor der Langeweile und vor dem Scheißessen. Das war zumindest beim letzten Mal so. Ich hoffe, dass ich schnell in den offenen Vollzug komme und dann als Freigänger tagsüber weiter meinen neuen Job machen kann.

Neuer Job? Was arbeiten Sie denn?

Ich habe in Duisburg-Meiderich ein Fitness-Studio gekauft mit allem Drum und Dran und dort zusätzlich einen Boxring eingebaut. Anfang November war die Eröffnung von Rocky’s Gym. Ich habe mehrere Angestellte, die darauf hoffen, dass sie nicht neun Monate warten müssen, bis sie ihren Chef das nächste Mal wieder sehen dürfen.

Wen trainieren Sie in Ihrem Gym?

Zu uns kann jeder kommen. Vom Anfänger bis zum Profi. Zusammen mit meinem Bruder Ralf, der ja auch mal Weltmeister war, trainieren wir Boxer von 15 bis 35 Jahren. Gerade erst war einer da, der bisher fünf Kämpfe als Profi gemacht hat. Er hat alle gewonnen. Aus dem kann man was machen. Unser Traum ist es, irgendwann einmal einen eigenen Profibox-Stall zu haben und deutsche Talente fördern zu können. Aus diesem Grund gibt es bei uns schon bald einmal im Monat ein Vorboxen. Da können die Jungs ihr Talent beweisen. Das ist besser, als auf der Straße rumzuhängen und Blödsinn auszuhecken.

Und warum gibt es Rocky’s Gym ausgerechnet in Duisburg? Sie sind zwar in Duisburg-Rheinhausen geboren, haben aber doch die meiste Zeit Ihres Lebens in Berlin verbracht.

In Berlin gibt es 1000 Sachen, aber hier im Ruhrpott gibt es kaum was für das Boxen. Außerdem habe ich gute Freunde hier, die mich unterstützen.

Graciano Rocchigiani als seriöser Geschäftsmann. Sind Ihre wilden Zeiten wirklich vorbei?

Was soll ich sagen. Natürlich nehme ich mir vor, dass so ein Mist nicht mehr passiert. Aber wer kann schon alles ausschließen und behaupten, davor und davor bin ich gefeit.

Vielleicht könnten Sie ja ausschließen, dass Sie nicht mehr mit Alkohol am Steuer sitzen. Davon müssten Sie doch jetzt wirklich ein für alle Mal genug haben.

Für das Besoffenfahren gebe ich niemandem die Schuld. Da hatte ich einen Furz in der Birne, habe den Schlüssel von einem Freund geklaut und bin in Frankfurt an der Oder losgefahren wie ein Vollidiot. So was passiert mir hoffentlich nie wieder.

Ihr Vater stammt aus Sardinien und war ebenfalls Profiboxer. Was sagen eigentlich Ihre Eltern zu Ihrer bevorstehenden Haftstrafe?

Das ist für die schon so, als wenn sie selber rein müssten. Wenn ich keinen Freigang bekomme, werden wir uns eine ganze Zeit lang nicht umarmen können. Das wäre hart, aber ich habe ihnen klargemacht, dass sie mich nicht besuchen sollen. Ich möchte nicht, dass sie mich als Knacki sehen. Ich habe gute Eltern, das haben sie nicht verdient.

Was erhoffen Sie sich eigentlich vom neuen Jahr?

Eine ganze Menge. Das Gym soll sich weiter gut entwickeln. Außerdem will ich meine Biografie veröffentlichen, die weitgehend geschrieben ist und an der wir gerade noch den Feinschliff vornehmen. Meine größte Hoffnung ist natürlich, dass die neun Monate schnell vergehen.

Das Gespräch führte Jürgen Rollmann.

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