Sport : Im Chaos zu Hause

Marcelinho braucht feste Strukturen. In Wolfsburg hat er sie gefunden – vielleicht

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Das Unwetter ist schuld daran, dass Marcelinho am heutigen Sonntag erst zu seinem 200. Bundesligaspiel kommt. Der VfL Wolfsburg und Marcelinho müssen noch einmal nach Nürnberg reisen. Vorige Woche hatte es so lange geregnet und gestürmt, bis der Rasen in Nürnberg nur noch eine große Pfütze war. Und hier soll es einer aushalten, der am liebsten in der Sonne feiert, als wenn es kein Morgen gebe? Der 32-jährige Marcelinho spielt schon seit 2001 in Deutschland – abgesehen von einem ebenso kurzen wie erfolglosen Gastspiel in der Türkei. In Wahrheit „liegen ihm die Bedingungen in Deutschland gerade“, wie sein Berater Wolfgang Nothdurft sagt. Nothdurft meint damit natürlich nicht das Wetter. Die festen Strukturen und Regeln hierzulande bringen zumindest ein bisschen Ordnung in das chaotische Leben des Marcelo dos Santos.

Nothdurft kennt Marcelinho aus dessen Zeit in Berlin, wo er beinahe fünf Jahre lang einen ganzen Bundesligaverein auf Trab hielt. Mal feierte er bis morgens um halb fünf Karneval – nachdem die Mannschaft gerade aus dem Uefa-Cup ausgeschieden war. Dann fuhr er betrunken über den Kaiserdamm – mit 120 Stundenkilometern. Und auf dem Platz: erzielte er Tore. 65 in 155 Spielen für Hertha, in Wolfsburg sind es bislang 10 in 44 Partien. Trotz seiner außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten verkaufte ihn Hertha im Sommer 2006 an Trabzonspor, weil Marcelinho zehn Tage zu spät aus Brasilien zurückgekehrt war. Er hatte es zu weit getrieben. Insgesamt erinnert sich Marcelinho dennoch gern zurück an seine Zeiten in Berlin. Aber nur Nettes hat er für seinen alten Verein auch nicht übrig. Wolfsburg sei jetzt besser, „als Hertha je gewesen ist“, sagt Marcelinho. Wie seine Äußerungen wohl bei anderen ankommen, darum hat sich Marcelinho noch nie geschert.

In Wolfsburg läuft es nun wieder so ähnlich, wie damals in Berlin – auch wenn das keiner offiziell sagt. Der Brasilianer fährt mit seinem Teamkollegen Alexander Madlung gerne in die Diskothek 42 Grad Fieber nach Braunschweig. Und wenn dort nichts los ist, dann wird halt in Berlin getanzt. So wie am vergangenen Ostermontag, als er in der „Cazz-Bar“ am Savignyplatz dem Opfer Ingo H. eine Flasche über den Kopf gezogen haben soll, H. erstattete Anzeige. Marcelinho bestreitet die Vorwürfe. Einen Gerichtstermin gibt es noch nicht. „Wir haben noch gar nichts schriftlich – dafür haben wir aber Zeugen, die Marcelos Unschuld beweisen werden“, sagt Nothdurft.

Felix Magath glaubt zumindest an die Unschuld seines Spielmachers. Dass der als Disziplinfanatiker geltende Trainer des VfL Wolfsburg und Marcelinho nun schon seit einem Jahr gemeinsame Sache machen, hätten vorher nicht viele geglaubt. Die klaren Vorgaben von Magath zeigen Marcelinho Grenzen auf. In seinem halben Jahr bei Trabzonspor hatte es eben daran gefehlt. „Dort war es zu chaotisch“, sagt Berater Nothdurft. In Wolfsburg soll es laut Vertrag noch bis 2009 gehen. „Mindestens“, sagt Marcelinho. Er könne es sich vorstellen, danach noch ein oder zwei Jahre in der Bundesliga zu spielen. So lange eben, wie seine Knochen halten. In Brasilien möchte er seine Karriere dann nur noch ausklingen lassen, vielleicht bei Flamengo in Rio de Janeiro. Die hätten ein so schönes Stadion, das Maracana. „Und wenn es nur ein paar Monate sind“, sagt Marcelinho. Ein paar Monate Profifußball in der Sonne. Und ein bisschen Chaos. Ingo Schmidt-Tychsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar