Sport : Im Kern unterlegen

Weil Adriano zu gut ist für Robert Huth, verliert Deutschland gegen Brasilien

Stefan Hermanns[Nürnberg]

Kurz vor Dienstschluss leistete sich Leite Ribeiro Adriano eine letzte Unverschämtheit gegen den deutschen Fußball. Der Stürmer der brasilianischen Seleção war gefragt worden, was er von der Abwehr der deutschen Nationalmannschaft im Allgemeinen und von Robert Huth im Besonderen halte. Adriano hob die Schultern. Anscheinend sagte ihm der Name Huth nichts. „Die Nummer vier“, sagte Carlos Alberto Parreira, Brasiliens Nationaltrainer, und hielt zur Illustration vier Finger in die Höhe. Aha, die Nummer vier also. „Offensichtlich war es ein sehr schwieriges Spiel für ihn“, sagte Adriano.

Und offensichtlich ist Adriano ein höflicher Mensch. Denn im Grunde hatte Robert Huth ein Desaster erlebt: Zwei Tore erzielte sein Gegenspieler Adriano beim 3:2 der Brasilianer, das dritte bereitete er vor, indem er sich von Huth im Strafraum umrempeln ließ. Man kann auch sagen, dass sich die Auseinandersetzung zwischen Brasilien und Deutschland, zwischen Weltmeister und Vizeweltmeister, in dem Duell Huth gegen Adriano auf ihren Kern reduziert hatte: Wenn die Deutschen sich ganz doll anstrengen, können sie auch gegen Brasilien mithalten. Im entscheidenden Moment aber kommen sie dann doch einen Schritt zu spät.

Robert Huth steht beispielhaft für den aktuellen Status der deutschen Nationalmannschaft. Sie ist jung, sie macht Fehler, und sie muss noch einiges lernen. Huth ist ein ganz besonderer Fall: Er hat in dieser Saison genau so oft in der Nationalmannschaft gespielt (zehnmal) wie bei seinem Verein, dem FC Chelsea. Nur bei Jürgen Klinsmann sammelt Huth regelmäßig Praxiserfahrung. Der Bundestrainer hat den 20-Jährigen zuletzt sehr entschieden gegen alle Kritik verteidigt, er hat ihn weiter aufgestellt, und man konnte sehen, wie sich Huth im Laufe des Confed-Cups zurückkämpfte, wie er – auch durch den Zuspruch des deutschen Publikums – an Selbstvertrauen gewann und zu seinem Spiel fand.

Anfangs gelang ihm das auch gegen Brasilien. Die Nürnberger Zuschauer feierten jeden gewonnenen Zweikampf mit lauten „Huuuuth“-Rufen, und es waren eine Menge gewonnener Zweikämpfe. „Er ist ein sehr guter Spieler, und er hat gezeigt, dass er seine Stärke einsetzen kann“, sagte Adriano über seinen Gegenspieler. Dann kam die 41. Minute. Adriano stürmte von der rechten Seite in den deutschen Strafraum, fast an der Torauslinie überlief er Huth. Der Brasilianer hatte eigentlich keine Chance mehr, aus diesem Winkel aufs Tor zu schießen. Doch Huth hielt seinem Gegenspieler beide Hände gegen die Brust. Es war ein Reflex: Huth spürte, dass er Adriano nicht an sich vorbei lassen durfte. In seiner angenommenen Unterlegenheit nahm er die Hände zu Hilfe, und schon die Berührung reichte, um Adriano zu Boden zu schicken. Der Schiedsrichter entschied auf Elfmeter.

„Der jungen Mannschaft fehlt es noch an Cleverness“, sagte Kotrainer Joachim Löw nach dem Spiel. Das unterscheidet sie von den Brasilianern, die ebenfalls noch eine junge Mannschaft haben. Adriano zum Beispiel ist nur zweieinhalb Jahre älter als Huth, in Wirklichkeit aber ist er ihm mehrere Jahre voraus. Mit 18 spielte Adriano zum ersten Mal für die Seleção, mit 19 ging er aus Brasilien zu Inter Mailand. In der vergangenen Saison hat er 16 Tore in der Serie A erzielt, und angeblich soll Chelsea fast 100 Millionen Euro für ihn geboten haben.

Adriano gilt längst als einer der besten Stürmer der Welt. Sein Spiel wirkt fast ein bisschen unbrasilianisch, zumindest dann, wenn man Spieler wie Robinho oder früher Romario als typisch brasilianisch betrachtet. Das 1:0 erzielte er mit einem Freistoß aus 33 Meter Entfernung. Adriano zirkelte den Ball nicht über die Mauer in den Torwinkel, sondern schoss ihn mit voller Wucht in die Mitte, wo er von Sebastian Deisler abgefälscht wurde. Und auch das Tor zum 3:2 zeichnete sich durch eine Konzentration auf das Wesentliche aus. Nach Robinhos Pass war Adriano seinem Gegenspieler den entscheidenden Schritt voraus; den Schuss ins lange Eck konnte Huth nicht mehr verhindern. „Das Spiel wurde durch eine Einzelleistung von Adriano entschieden“, sagte Deutschlands Kapitän Michael Ballack. „Das ist halt ein Superstürmer.“ Robert Huth arbeitet noch daran, ein Superverteidiger zu werden.

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