Sport : Im Lager

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Wolfram Eilenberger über die wahren Freuden des Fußballerdaseins

Wer das Fußballerdasein realistisch einschätzen will, orientiert sich am Lager. Ein Profi verbringt gut 250 Tage seines Jahres im Lager oder unter lagerähnlichen Bedingungen. Die Kasernierungsdauer reicht von 24 Stunden bis zu zwei Wochen, in Extremfällen auch vier Wochen. Länger ist es erfahrungsgemäß nicht auszuhalten. Obwohl er es nicht gerne tut, geht der Profi doch freiwillig ins Lager. Schließlich ist das sein Beruf. Und schließlich könnte er, wie leicht dahin gesagt wird, auch etwas anderes tun.

Ziel des Lagers ist die Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Ohne strenge Regeln, volle Konzentration, physische Schmerzen sowie die fortlaufende Überwindung des inneren Schweinehundes geht das natürlich nicht. Neben der rein physischen Steigerung dient die Kasernierung und permanente Überwachung vor allem dem Zweck, die Spieler zu einer verschworenen Einheit zu formen. Man schläft gemeinsam, wird gemeinsam geweckt, isst, schwitzt, kickt und duscht gemeinsam. Man trägt die gleiche Trainingskleidung, die gleichen Badeschlappen und die gleiche Ausgehkrawattennadel. Jeder Spieler hat seine Nummer, die er entweder an Hemd, Rücken oder Brust ständig an sich führt. Wenn diese Nummer während des Lagers für alle hörbar aufgerufen wird, bedeutet das meistens nichts Gutes.

Im Lager muss es dem Profi vor allem darum gehen, sich anzubieten und in den Vordergrund zu spielen. Ein gelungenes Trainingslager ist deshalb wie ein einziger, langer Schrei: „Trainer, ich bin ein Star, nimm mich ins Team!“ Natürlich können es nicht alle schaffen. Aber das Spiel und seine eigene Wahrheit gibt es. Und ohne die Erwartung des Spiels, ohne seine Schönheit und seinen Rausch, wäre alles andere sinnlos. Was würden die Profis wohl sagen, böte man ihnen an, bei gleichbleibenden Bezügen 250 Tage pro Jahr im Lager zuzubringen, allerdings ohne Aussicht auf ein echtes Spiel?

Es herrschte, wie man überall vernimmt, eine blendende Stimmung in den diesjährigen Winterlagern. Denn am Ende eines jeden harten Trainingstages konnten unsere B-Profis auf RTL zappen und hundemüde beiwohnen, wie echte B-Promis, auf die keine große Partie mehr wartet, sich öffentlich selbst erniedrigten und bei all dem noch inständig darum bettelten, noch länger im Lager bleiben zu dürfen. So schliefen unsere Profis, fern der Heimat, mit dem erlösenden Gedanken ein: Mein Gott, das sind doch mal wirklich arme Schweine.

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