Sport : Im Spiegel des Tages: Als die schlechten Zeiten noch gut waren

Sven Goldmann

Das sind Erinnerungen an Wilfried Dietrich, den Kran von Schifferstadt. An eine Sportart, bei der ästhetische Aspekte eine eher untergeordnete Rolle spielten und für die sich die Allgemeinheit nur alle vier Jahre ein paar Tage lang interessierte, wenn gerade Olympische Spiele waren.

Heute ist das nicht mehr so einfach. Seitdem Alexander Leipold vor ein paar Wochen wegen eines Dopingverstoßes die olympische Goldmedaille verlor, ist in den deutschen Zeitungen vom Ringen genauso viel zu lesen wie von Lothar Matthäus. Ein Rückblick: Leipold wurde nach seinem Sieg in Sydney die Einnahme eines nandrolonhaltigen Nahrungsergänzungsmittels nachgewiesen. Die gefundene Menge schließt eine Leistungssteigerung nahezu aus, nach dem jetzigen Stand spricht nichts dafür, dass Leipold seinen Körper auf unerlaubte Weise in Form bringen wollte. Weil aber eine auf der Dopingliste stehende Substanz in seinem Körper gefunden wurde, konnte das IOC gar nicht anders, als ihm Gold abzuerkennen. Leipold wurde gesperrt. Jede andere Entscheidung hätte künftigen Dopingsündern als Präzedenzfall gedient.

Ebenso einfach nachzuvollziehen ist, dass Leipold sich mit dieser Entscheidung nicht zufrieden gibt. Niemand wird ernsthaft von einem Sportler erwarten, dass er den größten Erfolg seiner Laufbahn auf dem Altar eines höheren Allgemeingutes opfert. Also ringt Leipold um seinen Ruf, und er fängt damit auf einer ihm zugänglichen Ebene an. Per einstweiliger Verfügung hat er vor dem Landgericht Frankfurt sein Startrecht in Deutschland erwirkt. Das hat den Weltverband Fila alarmiert. Dazu muss man wissen, dass die Ringer beim Umgang mit Doping weltweit einen zweifelhaften Ruf genießen. Die Aussetzung einer Sperre kommt der Fila so ungelegen wie nur irgendwas. Also drohte sie ihrer deutschen Sektion für den Fall, dass diese Leipold gewähren lässt, mit einer internationalen Sperre deutscher Ringer und dem Entzug der an Leipzig vergebenen WM 2003. Der Deutsche Ringer-Bund nennt seinen früheren Helden einen Mann, "der uns in den Ruin treibt".

Was daraus folgt? Dass nun erst recht niemand mehr was vom Ringen wissen will, nicht mal 2004, bei den Olympischen Spielen in Athen. Was waren das für selige Zeiten mit Wilfried Dietrich, dem Kran von Schifferstadt.

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