Sport : Im Spiegel des Tages: Die normative Kraft des Bundestrainers

Stefan Hermanns

Rudi Völler hat sich am Anfang seiner Amtszeit als Bundestrainer nicht gerade durch Mut hervorgetan. Die Spieler, mit denen er nach der verpatzten EM den Neuanfang begonnen hat, waren dieselben, die den nationalen Fußballnotstand ausgelöst hatten. In Deutschland gab es keine besseren. Wenn man von der wundersamen Entdeckung des Miroslav Klose absieht, hat sich an der Knappheit guter Kicker nichts geändert. Trotzdem hat Völler in der vergangenen Woche eine mutige Entscheidung getroffen. Sie könnte den deutschen Fußball auf Jahre hin prägen. Sebastian Deisler, gerade 21 Jahre alt, hat von Völler die zentrale Führungsrolle im Mittelfeld der Nationalmannschaft übertragen bekommen. Dass Deisler auf dieser Position die Zukunft gehören würde, war klar. Nicht klar war, dass die Zukunft so schnell beginnt.

Das Paradoxe ist, dass Deisler nun in der Nationalelf eine höherwertige Position einnimmt als bei Hertha BSC, wo er zuletzt noch auf der rechten Seite seinen Dienst verrichtet. Bisher war es immer umgekehrt: Lothar Matthäus, Stefan Effenberg oder Lars Ricken zum Beispiel spielten in ihren Vereinen längst in der Zentrale, als sie sich in der Nationalelf noch mit anderen Rollen zufrieden geben mussten.

Bei Hertha BSC war die Rolle des Spielgestalters für Dariusz Wosz reserviert. Der 31-Jährige steht für die Vergangenheit. Völler hat dies erkannt. Bei den letzten beiden Spielen saß Wosz auf der Tribüne. Herthas Trainer Jürgen Röber muss nun Völlers Beispiel folgen und Deisler in die Mitte versetzen. Auch das hatte Röber schon als Möglichkeit ins Spiel gebracht. Doch nun hat er keine Wahl mehr.

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