Sport : Im Spiegel des Tages: Status kontra Leistung

Sven Goldmann

Oliver Bierhoff hat vor fünf Jahren ein wichtiges Tor geschossen, das dem deutschen Fußball den letzten großen Erfolg seit Jahren beschert hat. Ganz nebenbei hat das Golden Goal im EM-Finale von Wembley gegen Tschechien Bierhoff und seinen Nachfahren materielle Sicherheit auf Generationen hinaus ermöglicht. Als Werbemodell für Joghurt, Lederjacken oder Shampoo verdient Bierhoff noch mehr Geld, als ihm sein gewiss nicht schlecht dotierter Vertrag beim AC Mailand einbringt.

Nur mit dem Fußball will es seit geraumer Zeit nicht mehr so recht klappen. In Mailand hat ihn zuletzt nicht einmal sein Lieblingstrainer Zaccheroni spielen lassen, obwohl es doch für den nach Niederlagen in Meisterschaft, Pokal und Champions League um nichts weniger als seinen Job ging (den er inzwischen verloren hat). Und in der Nationalmannschaft ist Bierhoff, trotz anhaltender Baisse, nur noch zweite Wahl hinter Leuten wie Jancker und Scholl, auf einer Stufe mit Zickler oder Neuville, die - gleich ihm - im Verein nicht immer erste Wahl sind.

Die Degradierung in Mailand nimmt Bierhoff notgedrungen hin, die in der Nationalmannschaft nicht. "Rudi Völler steht leider nicht so hinter seinem Kapitän, wie es Berti Vogts mit Jürgen Klinsmann tat", hat er dem "Kicker" gesagt und dies vorbeugend garniert mit dem Zusatz, dass "auch für mich allein die Mannschaft zählt". Aber ein Kapitän, der setzt sich nun mal nicht auf die Bank, und mag er noch so schlecht spielen. Bierhoff will seinen Stammplatz wieder haben, aber er will ihn sich nicht durch Leistung, sondern durch Status verdienen.

Hinter dieser Forderung steckt keine Logik, allenfalls ein historischer Anspruch, nach dem auch schon Bierhoffs Vorgänger Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann ihr Handeln ausrichteten. Matthäus endete auf dem Fußballplatz als tragischer Fall, Bierhoff könnte der nächste sein. Dass er trotzdem nicht lassen mag von der Binde, hat einen guten Grund. Denn wer als Kapitän nur auf der Bank sitzt, muss davon ausgehen, dass er als gewöhnlicher Spieler gar nicht mehr dabei ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar