Sport : Im Spiegel des Tages: Zu viel Vertrauen auf die Sicherheit

Hartmut Moheit

Der Schreck stand Jacques Villeneuve ins Gesicht geschrieben. Kleinlaut gab der sonst so wortgewaltige Kanadier zu: "Ich wusste nicht, ob ich rechts oder links vorbeifahren sollte. Dann hat es geknallt." Danach hat er noch von den beiden spektakulärsten Unfällen seiner Karriere erzählt, von den Crashs in der berüchtigten Eau-Rouge-Kurve von Spa-Francorchamps, nach denen ihm jeweils zur Neugeburt gratuliert wurde. Geht es danach, dann hat für den Formel-1-Weltmeister von 1997 am Sonntag in Melbourne das vierte Leben begonnen.

Zu verdanken hat es Villeneuve der so genannten Überlebenszelle, dem Monocoque. Die wannenförmige Röhre aus einer Karbon-Wabenstruktur gilt als die eigentliche Lebensversicherung für die Fahrer. Sie ist praktisch unzerstörbar und soll auch einem Frontalaufprall bei Tempo 300 widerstehen können. Manchen Fahrer mag das zu noch höherer Risikobereitschaft verleiten.

Für Streckenposten gibt es kein Monocoque. In der vergangenen Saison hat ein Helfer in Monza sein Leben gelassen, am Sonntag einer in Melbourne. "Wenn wir alles dafür tun, um unsere Sicherheit zu verbessern, müssen wir auch alles dafür tun, um das Leben aller anderen Involvierten zu schützen." Das hat Michael Schumacher nach dem Großen Preis von Australien gesagt, und genauso hatte die Formel 1 schon auf das Unglück von Monza reagiert. Geändert hat sich wenig. Dabei hätte schon vor Melbourne jedem klar sein müssen, dass die Formel 1 ein Hochrisiko-Unternehmen geblieben ist: der schwere Unfall von Michael Schumacher im Freien Training, der Aufhängungsbruch von Mika Häkkinen im Rennen, schwere Crashs in der Testphase - wenn die Technik versagt, sind auch begnadete Fahrkünstler den gewaltigen Kräften der Hochgeschwindigkeit machtlos ausgeliefert. Es gehört nicht viel Fantasie zu der Vorstellung, was alles passieren kann, wenn ein Fahrer - wie Villeneuve in Melbourne - die Kontrolle verliert.

Leichter, schneller, haftbarer, Nach dieser Grundformel entwerfen die Konstrukteure die Boliden, alle Gefahren inklusive. Wer redet heute noch von den Reifen mit vier Rillen, mit denen die Geschwindigkeit reduziert werden sollte? Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Die neue Konkurrenz von Bridgestone und Michelin auf dem Reifenmarkt hat dazu geführt, dass Geschwindigkeitsrekorde die Regel sein werden. Der erste Beweis dafür ist beim Großen Preis von Australien geführt wordem.

Der Brite Stirling Moss, der zwischen 1951 und 1961 16 Grand-Prix-Siege feierte, wies bereits vor zwei Jahren auf das eigentliche Problem hin, das unmittelbar die Einstellung der Fahrer zu ihrem Job betrifft: Je sicherer ein Auto wird, desto größer ist die Geringschätzung der Gefahr. Dieses Muster erklärt auch den misslungenen Überholvorgang von Villeneuve in Melbourne. Und all seine Folgen.

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