Sport : Im Träumen schon Weltmeister

Das deutsche Eishockey entwickelt sich stetig weiter, ist aber noch nicht in der Weltspitze angekommen

Anke Myrrhe,Claus Vetter[Hannover]

Normalerweise ist Uwe Krupp nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Der große Mann, einst bester deutscher Verteidiger, hat in der Eishockey-Welt schließlich schon sehr viel gesehen und eine Menge erreicht. Wohl daher ist der Bundestrainer in Analysen stets bemüht, seine Emotionen zu zügeln. Am Wochenende allerdings war Krupp für seine Verhältnisse fast in Rage. Der 6:2-Erfolg der Nationalmannschaft beim Deutschland-Cup über Dänemark lag kaum hinter ihm, da setzte Krupp zu medialer Schelte an. Er sei falsch zitiert worden. „Ich habe nie gesagt, dass wir Weltmeister werden“, schimpfte Krupp. „Ich habe gesagt, dass wir Weltmeister werden wollen.“

Ein kleines Wort, das den feinen Unterschied ausmacht. „Jeder Sportler tritt doch bei einem Turnier an, um es zu gewinnen“, sagt Krupp. „Dass wir noch nicht so weit sind, um eine WM zu gewinnen, ist eine andere Sache.“ Doch wie weit haben sich die Deutschen seit dem Amtsantritt von Krupp im Dezember 2005 auf die Weltspitze zubewegt? Oder besser: Wie nah können sie den Klasseteams kommen, um 2010 bei der WM im eigenen Land eine gute Figur abgeben zu können? Im April 2006 gelang der Aufstieg in die A-Gruppe der WM, der Auftritt bei der Weltmeisterschaft im Mai in Russland war mit Platz neun ordentlich. Zu Beginn dieser Saison gab es ein 4:2 über Tschechien und die jüngsten Testspielergebnisse gegen die USA am Mittwoch (4:2) in Köln und am Donnerstag in Hannover (2:3) sind respektabel – das 6:2 gegen Dänemark am Sonnabend war sogar souverän. Zum Abschluss des Deutschland-Cups traf Deutschland noch auf die Slowakei (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch im Gange).

Sven Felski von den Berliner Eisbären sieht als erfahrener Nationalspieler wesentliche Fortschritte. „Die Mannschaft ist disziplinierter geworden“, sagt der 32 Jahre alte Stürmer. „Es zahlt sich eben aus, dass wir unter Krupp viel öfter zusammen trainieren. Jetzt gibt es schon im Sommer Trainingslehrgänge. Früher haben wir uns oft erst einen Tag vor Testspielen getroffen.“ Tatsächlich wirken die Deutschen unter Krupps Regie im Zusammenspiel souveräner. Ein Indiz dafür ist das stark verbesserte Überzahlspiel. Beim 6:2 gegen Dänemark schossen die Deutschen drei Tore im Powerplay. Für Krupp ist die neue Souveränität auch ein Verdienst der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), die die Zahl der erlaubten ausländischen Spieler pro Klub schrittweise reduziert hat: „Die Spieler haben mehr Verantwortung in ihren Klubs und sie sind einfach physisch stärker als früher, weil sie nun in der DEL auch ein ziemlich hohes Pensum haben.“ Deswegen könne man nun auch auf internationalem Niveau besser mithalten.

Mithalten ja, aber mehr ist wohl noch zu viel verlangt: In Ländern wie Kanada, Russland, Tschechien oder Schweden ist Eishockey Volkssport. In Deutschland, gibt es dagegen nur rund 25 000 Aktive. Mangels Masse an Spielern müsse man eben auf noch mehr auf Nachwuchsförderung und eine Elite setzen, sagt Franz Reindl, Sportdirektor des Deutschen Eishockey-Bundes. Die Spielsysteme der Nachwuchs-Nationalmannschaften und des A-Teams seien identisch, daher sei eine gute Entwicklung zu sehen, sagt Krupp: „So wusste hier beim Deutschland-Cup ein Debütant wie der Berliner Jens Baxmann sofort, wie er sich bei uns im Unterzahlspiel verhalten musste. Das System kennt er aus dem U20-Team.“

Franz Reindl war als Zuschauer in Hannover „überrascht, wie gut unsere junge Mannschaft schon mit Gegnern wie dem US-Team mitspielt“. Ziel sei es, mit einem gereiften Team bei der WM 2010 mindestens das Viertelfinale zu erreichen. Einen Weltmeistertitel hält auch Felski, beim Turnier in Hannover Kapitän, für unrealistisch: „Das werde ich kaum noch erleben. Wahrscheinlich nicht einmal auf der Tribüne!“

Ziel müsse erst einmal sein, in der A-Gruppe zu bleiben, alles andere hält Felski für „Quatsch“. Krupp fordert seine Spieler trotzdem zum Träumen auf: „Ich brauche 25 Spieler mit der Motivation, Weltmeister werden zu wollen.“ Das heiße aber nicht, dass Deutschland irgendwann einmal Eishockey-Weltmeister wird.

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