• Immer höhere Transfersummen und Gehälter, aber die wenigsten Kicker erfüllen die Erwartungen

Sport : Immer höhere Transfersummen und Gehälter, aber die wenigsten Kicker erfüllen die Erwartungen

Harald Irmberger

Der Transfer rief kurz vor Weihnachten die Justiz auf den Plan: Einen Tag, nachdem Atletico Madrid einen 20-jährigen Stürmer namens Jose Mari für umgerechnet etwa 40 Millionen Mark an den AC Milan verkauft hatte, setzte in Madrid ein Richter den gesamten Atletico-Vorstand ab und einen "Aufseher" an die Spitze des Klubs, der längst eine AG ist. Damit soll verhindert werden, dass der seit über einem Jahr unter dringendem Betrugs-, Untreue- und Fälschungsverdacht stehende Atletico-Präsident und -Hauptaktionär Jesus Gil y Yil das viele Geld aus Mailand widerrechtlich in seine Privatkasse lenkt.

Derlei Skandale sind zwar nicht alltäglich, doch absurde Verpflichtungen, bei denen auf legale Weise Wahnsinnssummen fließen, gehören im internationalen Fußball inzwischen zur Routine. Über 60 Prozent des im weltweiten Handel mit Kickern aufgewendeten Geldes werden dabei zwischen Italien, Spanien, England, Frankreich und Deutschland hin und her bewegt. Dabei sind allerdings Flops programmiert, wie man mit Blick auf die bislang teuersten Transfers in der Geschichte des Fußballs sehen kann.

Den Anfang machte Inter Mailand, als der italienische Klub im Sommer 1997 dem FC Barcelona annähernd 55 Millionen Mark für den Brasilianer Ronaldo überwies. Der nach einer erfolgreichen Saison in Spanien voreilig zum fünften Mann im bisherigen Quartett der Größten aller Zeiten (Di Stefano, Pele, Cruyff und Maradona) hochgejubelten Torjäger baute indes von da an kontinuierlich ab: 1997/98 erzielte er für Inter in 32 Spielen noch 25 Tore, in der folgenden Meisterschaft konnte er als Folge von Verschleißerscheinungen nur noch 19 Mal eingesetzt werden und brachte es dabei auf 14 Treffer. In der laufenden Saison gelangen Ronaldo in sieben Begegnungen magere drei Tore, bevor er sich einer Knieoperation unterziehen musste.

Die Probleme mit Ronaldo brachten in der Branche allerdings nur wenige zur Vernunft. Im Anschluss an die WM 1998 trat Ronaldos Landsmann Denilson - im Team der Brasilianer nur Ersatzmann - seinen neuen Arbeitsplatz beim mittelmäßigen spanischen Erstligisten Betis Sevilla an. Dessen Präsident Ruiz de Lopera, der es als Klinkenputzer und Geldverleiher zu erstem Wohlstand und danach mit Immobilienspekulationen zu Reichtum gebracht hatte, wollte beweisen, dass er sich leisten kann, was dem FC Barcelona zu teuer war: Betis legte für Denilson die - zu dem Zeitpunkt - Weltrekord-Summe von 63 Millionen Mark hin. Eine glatte Fehlinvestition vom ersten Moment an: Der Dribbelkünstler traf erst in seinem 22. Spiel in Spanien erstmals ins Netz. Die Trefferquote blieb bescheiden: In der gesamten letzten Saison erzielte Denilson nur zwei Tore, in der laufenden Spielzeit bisher nur eins.

Mit dem aktuellen Pleiten-Rekord kann sich Real Madrid schmücken, nachdem der erfolgreichste Klub in der Geschichte des Weltfußballs im letzten Sommer den 20-jährigen Franzosen Nicolas Anelka verpflichtet hatte. Der athletische Stürmer hatte in der Saison zuvor für Arsenal London in 34 Spielen 17 Treffer erzielt. Das bot dem als Manager tätigen älteren Bruder des Kickers, dessen Familie erst 1974 von den Antillen nach Europa gekommen war, gute Gelegenheit, um in einem Poker, bei dem auch Juventus Turin und Lazio Rom eingeschaltet wurden, eine Ablösesumme von knapp 70 Millionen Mark auszuhandeln. Anelka kassiert nun in Madrid pro Jahr etwa sechs Millionen Mark - ein wenig mehr als Denilson in Sevilla und etwas weniger als Ronaldo in Mailand. Geboten hat der extreme Einzelgänger für diese Supergage bisher absolut nichts. Nach Totalausfällen zum Saisonstart, an die sich eine Serie kleinerer Verletzungen reihte - darunter solche, die von den Mannschaftsärzten bei bestem Willen nicht auszumachen waren -, wird der in der Geschichte des spanischen Fußballs teuerste Spieler zumeist nur noch in der Schlussphase von Spielen eingesetzt, bei denen nichts mehr zu verlieren ist. Inzwischen glaubt so gut wie niemand mehr daran, dass Anelka noch eine besondere Rolle bei Real spielen wird.

Angesichts dieses Fehleinkaufs kann man sich bei Inter Mailand über Christian Vieri vergleichsweise glücklich schätzen. Der Stürmer wurde letzten Sommer von Lazio Rom erworben - für den derzeitigen Weltrekord-Betrag von knapp 90 Millionen Mark. Der Spieler kassiert nun in Mailand über zehn Millionen Mark im Jahr, und er brachte es bislang auf sieben Tore. Darunter allerding spielentscheidende Treffer.

Der 26-Jährige mag weniger talentiert sein als die genannten anderen drei Kicker, die allesamt erst knapp über 20 Jahre alt sind. Doch Vieri verfügt über die besten Nerven von allen. Die hat er sich wohl bei seiner rastlosen Wanderung von Gagenerhöhung zu Gagenerhöhung bekommen. Während seiner inzwischen zehnjährigen Profi-Karriere brachte es der Italiener auf Engagements bei neun Klubs in Italien, Spanien und England.

"Der Mann ist eine absolute Ausnahme", stellte Spaniens führender Fußball-Kommentator Santiago Segurola in "El Pais" fest: "Es sind nicht die Klubs, die mit ihm spekulieren. Er spekuliert mit den Klubs. Vieri nimmt jedes Jahr das Geld und zieht dann weiter. Dabei setzt er sich nur einem Druck aus: sein nächstes Ziel anzuvisieren und eine neue Trophäe zu erjagen. Eben ein Profi ohne Sentimentalitäten."

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