• Immer, wenn es um viel geht, versagen den Münchner Löwen die Nerven - auch gegen die Berliner?

Sport : Immer, wenn es um viel geht, versagen den Münchner Löwen die Nerven - auch gegen die Berliner?

Detlef Dresslein

In München ist dieser Tage viel von Endspielen die Rede. Das eine hat der FC Bayern vor einer Woche in Berlin nach furiosem Sturmlauf gegen Werder Bremen gewonnen, ein zweites am Dienstag trotz nicht minder beeindruckender Leistung gegen Real Madrid verpasst. Dann gibt es noch ein drittes, aber mit dem haben die Bayern nichts zu tun. Der TSV 1860 empfängt am Sonnabend Hertha BSC, und der Sieger dieser Partie steht so gut wie in der Qualifikation zur Champions League. Die Sorgen der Berliner sollten sich dabei in Grenzen halten, auch wenn vielleicht 50 000 Zuschauer im Münchner Olmypiastadion den Löwen die Daumen anfeuern werden. Denn der TSV 1860 hat es bislang noch immer geschafft, eine hervorragende Ausgangsposition zu verschludern. Weil er eben nicht die so genannten Big Points macht.

Zum Beispiel vor drei Jahren, da hätten die Löwen nämlich schon einmal die direkte Qualifikation für den Europapokal schaffen können. Am letzten Spieltag hätte gegen den längst im belanglosen Tabellenmittelfeld verirrten SV Werder Bremen ein Remis im eigenen Stadion gereicht. Die Löwen boten dann die schlechteste Saisonleistung, verloren 0:3 und qualifizierten sich nur durch den Pokalsieg des VfB Stuttgart doch noch für den Uefa-Cup. In der letzten Saison stand der TSV 1860 nach der Vorrunde auf Platz vier, bevor die schlechteste Rückrundenbilanz aller 18 Teams gelang. Und so war auch in dieser Saison: Wann immer die Löwen hätten ganz nach vorne kommen können, verloren sie und hielten sich letztlich nur durch das gleichzeitige Versagen der Konkurrenz in den oberen Rängen.

Warum also sollte der TSV 1860 München (derzeit Platz fünf) ausgerechnet gegen den viertplatzierten Konkurrenten aus Berlin besser machen? "Weil wir in dieser Saison schon einige Serien beenden konnten", entgegnet Spielmacher Thomas Häßler. Und er verspricht: "In der Mannschaft steckt ein gutes Potenzial und mit der richtigen Einstellung können wir bei diesen Endspielen bestehen."

Wer bei 1860-Trainer Werner Lorant nach seiner Meinung zur Bedeutung des kommenden Spieles anfragt, bekommt die erwartet kratzige Reaktion. "Das wichtigste Spiel des Jahres - Quatsch. Da werden die Erwartungen wieder hochgeschraubt, und nachher wird wieder gejammert." Er kennt das ja gut nach acht Jahren als Löwen-Trainer. Deshalb setzt er das Ziel niedrig an: "Es geht nicht um den vierten Platz, wir müssen unsere Position festigen und nicht nach oben schauen".

Doch "oben", nämlich dort wo derzeit noch die um einen Punkt bessere Hertha steht, wäre man bei einem sonnabendlichen Sieg über die Berliner ja bereits. Auch Abwehrkraft Holger Greilich bemüht sich krampfhaft vermittels überholter Weisheiten das bedeutende Spiel abzuqualifizieren: "Es geht nur um drei Punkte, man sollte das nicht überbewerten." Um drei Punkte aber, die den weiteren Weg der Münchner mit europäischen Millionen teeren könnten. "Geld", motzt Lorant dann, "interessiert mich doch nicht. Ich mache Fußball doch nicht des Geldes wegen." Und: "Wenn wir den vierten Platz nicht erreichen, dann haben wir in der Champions League auch nichts verloren."

Ein weiteres Phänomen neben der Unfähigkeit der Mannschaft, den letzten Schritt ins große Ziel zu tun, ist die konsequente Ignoranz der Münchner Zuschauerschaft. Selten kamen mehr 30 000, ganz egal, um was es auch ging. Gegen Hertha BSC werden wieder mal ganz optimistisch 50 000 im ungeliebten Olympiastadion erwartet. Auf solche Prognosen gibt die Mannschaft nach den jüngsten Erfahrungen allerdings nicht mehr viel. "Wir haben einen harten Kern von 25 000, der Rest ist sehr wetterfühlig", hat Holger Greilich festgestellt. Insofern hat er resigniert und lässt sich überraschen. "Wer Fan ist, wird kommen, und wer sich lieber ins Freibad legt, der legt sich eben ins Freibad."

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