Sport : In Brasiliens Superliga zum Star aufgestiegen

STEFFEN MARQUARDT

Die Volleyball-Nationalspielerin Susanne Lahme hat aber auch Heimweh nach BerlinVON STEFFEN MARQUARDT SOROCABA."Amor por Voce" - "Liebe für dich".Unter diesem Slogan des Vereins-Hauptsponsors (Nestle) hat Susanne Lahme aus Berlin, die erste in Brasilien spielende Europäerin, ihre neue Umgebung liebengelernt.Das nicht nur, weil sie mit ihrem Team gute Titelchancen besitzt. Als die Deutsche im November ihren Dienst beim Clube Atlético Leites Nestlé antrat, tat sie dies mit sportlichen Defiziten.Trainer Sergio Ricardo Negrao: "Aber sie ist eine Sportlerin mit Köpfchen, die schnell aufgeholt hat.Schon nach drei Wochen Training war sie athletisch fit und entsprach meinen Erwartungen: eine Mittelblockerin, auch stark in Angriff, Abwehr und Annahme." Nach der Hauptrunde war die Berlinerin beste Blockspielerin in der Superliga.Während sie im Angriff anfangs noch den "langsameren, hohen europäischen Stil" praktiziert habe, so ihr Trainer, klappe jetzt auch das schnelle Zusammenspiel mit Stellerin Fernanda Venturini. Daß man große Erwartungen in sie gesetzt hatte, gefiel der 28jährigen."Ich liebe die Herausforderung.Der Verein ist einer der besten in der Welt, und mir war klar, daß ich nicht wegen meiner blonden Haare akzeptiert würde." Auch wenn sie sich selbst nicht als coole Deutsche sieht, meint Coach Sergio: "Während die Latinos mehr mit Herzblut und Emotionen spielen, ist Susanne etwas zurückhaltend.Aber sie ist ein Mensch, der sich mit allen rasch versteht.Meine Spielerinnen sollen menschlich zueinander passen und in zweiter Linie stark spielen.Bei uns ist die Mannschaft der Star." Die Fans allerdings machen Unterschiede.Die blonde Deutsche steht immer mit am längsten, wenn Autogrammkarten zu verteilen sind.Jene werden ebenso wie Visitenkarten, Sportkleidung, Handtücher vom Verein gestellt; Milch- und sonstige Produkte des Hauptsponsors gibt es für die Spielerinnen gratis.Eine professionellere Vereinsführung hat die Berlinerin - bis 1993 beim CJD und dann drei Jahre in Italien - nicht erlebt.Selbst die Gehaltszahlungen erfolgen pünktlich, was nicht allerorts üblich ist. Beeindruckt zeigt sich Susanne Lahme, daß in Brasiliens Liga um jeden Ball gekämpft wird: "Während in Deutschland vor wichtigen Spielen das Training zugunsten der Spritzigkeit reduziert wird, bleibt hier die Intensität des Trainings von Annahme, Abwehr und Angriff relativ konstant, denn Ballsicherheit geht vor Spritzigkeit.Das Bestreben, wenig Fehler zu machen, macht auch den Erfolg der brasilianischen Nationalmannschaft aus.Auch das Spielsystem ist anders als in Europa.Hier wird zu 50 Prozent aus dem Hinterfeld angegriffen, und die Sprungaufgaben sind von einer Qualität, wie ich sie in Europa nicht erlebt habe." Den größten Unterschied zum Volleyball in Europa sieht Susanne Lahme jedoch darin, daß neben der Volleyball-Arbeit und dem Training ("vom Umfang her wie zu DDR-Zeiten, allein viermal wöchentlich Kondition in einem Fitness-Center") die Lebensfreude nicht vergessen wird."Wir unternehmen viel gemeinsam, laden uns gegenseitig ein oder tanzen irgendwo ab." Ob der Star aus Deutschland in Brasilien weiterspielen wird, ist noch ungewiß.Obwohl die Industrie die Zugkraft des Frauenvolleyballs in Brasilien noch stärker nutzen möchte.So soll die neue Hochburg Curutiba heißen.Hier will die Firma Rexona für vier Millionen US-Dollar in eine neue Halle und den Spielerkader investieren und Nationaltrainer Bernadinho samt Freundin Venturini engagieren.Mit einem Pharmakonzern und einer Handelskette planen weitere Großunternehmen, neue Frauen-Teams zu bilden. Trotz der Erfolge und des guten Geldes in Brasilien hat sie mitunter Heimweh.Das konnten Mutter und Freund auch mit längeren Besuchen nicht bannen.Bald ist jedoch Meisterschaftsfinale in Brasilien, und da freut sie sich schon auf ein continental breakfast in Berlin.Dann kann sich die 233fache Nationalspielerin (nur noch bei "Bedarf" will sie für die Auswahl baggern) auch einen Luxus gönnen, den sie sich bis zum Saisonende aufgrund einer Wette verkneifen muß: jede Form von Schokolade.

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