Sport : In den Hufspuren Ourasis

Der Hengst Ready Cash kann beim wichtigsten Trabrennen der Welt endgültig zur Legende werden.

Heiko Lingk
Pferd mit Charakter. Franck Nivard schätzt den Trotzkopf seines Hengstes. Foto: AFP
Pferd mit Charakter. Franck Nivard schätzt den Trotzkopf seines Hengstes. Foto: AFPFoto: AFP

Paris - Wenn er nicht wollte, ging gar nichts: Der französische Hengst Ourasi gilt als das beste und zugleich auch eigensinnigste Trabrennpferd aller Zeiten. Immer, wenn der muskulöse Fuchs seine Hufe auf eine Rennbahn gesetzt hat, wurde schnell klar, dass nur er selber – und nicht etwa der Fahrer in seinem Sulky – der Chef im Ring war. Denn Ourasi absolvierte seine Aufgaben weniger nach den taktischen Vorstellungen seines Umfeldes, sondern ganz nach dem eigenen Geschmack. Manchmal ließ der Hengst das Tempo mitten im Rennen urplötzlich komplett abreißen – eine Eigenschaft, die ihm den Spitznamen „le roi fainéant“ einbrachte: der faule König. In solch einem Moment musste sein Fahrer wie bei einer Majestät um Aufmerksamkeit betteln. Doch zumeist zeigte sich Ourasi im Anschluss gnädig – er zog das Tempo höllisch an und flog schnell wie ein Pfeil an seinen Gegnern vorbei.

Am 12. Januar wurde der Wundertraber auf seinem in der Normandie gelegenen Gestüt Haras de Gruchy eingeschläfert. Ourasi war schwer erkrankt und hatte das für ein Pferd fast schon biblische Alter von zweiunddreißig Jahren erreicht. Und selbst im Tod war der berühmte Hengst ein Phänomen – denn obwohl sein letztes Rennen auf den 28. Januar 1990 datiert und damit mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt, hatten Millionen von Pferdesportfans auf der ganzen Welt den vierbeinigen König nicht vergessen. Auf den fünf Kontinenten setzten die Nachrichtenagenturen Meldungen ab und auf sämtlichen deutschen Rennbahnen war nur noch Ourasi Thema. Derjenige, der das wichtigste Trabrennen der Welt vier Mal gewonnen hatte: den Grand Prix d’Amérique.

Am Sonntag um 15.30 Uhr ist es wieder soweit, dann wird das bereits seit 1920 ausgetragene Rennen erneut auf der Nobelpiste im Pariser Vorort Vincennes entschieden. Wenn sich das achtzehnköpfige Teilnehmerfeld auf die Jagd um das Preisgeld in Höhe von einer Million Euro begibt, werden alle Blicke auf einem einzigen Pferd ruhen: Auf dem Hengst Ready Cash, der den Prix d’Amérique schon in den Jahren 2011 und 2012 gewann und sich nun mit dem dritten Sieg in Folge endgültig zu einer Legende entwickeln würde. Von der riesigen Pariser Tribüne aus wird das vierzigtausend Menschen zählende Publikum jede seiner Bewegungen verfolgen und Millionen von TV-Zuschauern konzentrieren sich in den drei Minuten, die das Rennen dauert, nur auf Ready Cash. Ein grandioses Medienspektakel, der Grand Prix d’Amérique wird in siebzig Länder übertragen.

Ready Cash – der Name ist Motto. Immer, wenn der achtjährige Traber auf einer Rennpiste antritt, dann ist er „ready for cash“. Bei seinen sechsunddreißig Siegen hat der Hengst exakt 3 341 800 Euro Preisgeld erzielt, und wenn der Traber um den erneuten Amérique-Triumph kämpft, dann geht es zugleich um das sportliche Erbe des unvergessenen Ourasi. Denn Ready Cash folgt den Hufspuren seines berühmten Vorgängers und scheint nicht nur die gleiche Schnelligkeit, sondern auch die Wesenszüge des Wunderpferdes zu besitzen. „Ready Cash hat einen mächtigen Trotzkopf“, sagt sein Sulkyfahrer Franck Nivard. Und der französische Meistertrainer Thierry Duvaldestin, dessen Rennstall alleine in der letzten Saison 4,6 Millionen Preisgeld verdient hat, ergänzt: „Man muss dem Hengst die Freiheiten lassen – alles andere würde seinen großartigen Charakter brechen.“ Heiko Lingk

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