Sport : In die Heimat oder nach Hause

Oliver Neuville hat noch kein EM-Spiel betritten – nun kämpft er um den letzten freien Platz im Sturm

Stefan Hermanns[Palma de Mallorca]

Oliver Neuville hat in diesen Tagen schon mal klargestellt, dass er bei der Europameisterschaft eigentlich gar nicht gebraucht wird. In acht Tagen bezieht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Quartier in Ascona, in dem Ort also, in dem Oliver Neuville die ersten 18 Jahre seines Lebens verbracht hat, seine Mutter und Schwester immer noch leben und sein elf Jahre alter Sohn zur Schule geht. Man könnte also leicht auf die Idee kommen, dass es doch ganz praktisch wäre, wenn der Tross des Deutschen Fußball- Bundes jemanden in seinen Reihen hätte, der sich im Tessin bestens auskennt. Aber das ist gar nicht nötig. „Der Bundestrainer war ja schon oft im Urlaub da“, sagt Neuville. Fremdenführer möchte er ohnehin nicht sein. Oliver Neuville hat noch richtige Ziele.

Ein bisschen ist er belächelt worden, als er vor einem Jahr seinen Vertrag beim Absteiger Borussia Mönchengladbach verlängerte und immer wieder sagte, er wolle zuerst in die Bundesliga aufsteigen und dann noch an der EM teilnehmen. Das erste Ziel hat er erreicht, dem zweiten ist er zumindest recht nahe gekommen. Dass Neuville in Sachen EM nie lockergelassen hat, liegt vor allem daran, dass er mit der Europameisterschaft noch eine Rechnung offen hat. Die Europameisterschaft hat ihn zweimal ganz böse versetzt.

Besonders schlimm war es im Jahr 2000. Zwei Stunden vor der Nominierung rief ihn Erich Ribbeck damals an, um ihm mitzuteilen, dass er nicht dabei sein werde. „Ich habe als Stammspieler jedes Qualifikationsspiel mitgemacht, jedes Freundschaftsspiel“, sagt Neuville. „Da war ich sehr überrascht und enttäuscht.“ Anders als vier Jahre später, als sich schon zeitig andeutete, dass es ihn erneut erwischen würde. Jedenfalls ist die paradoxe Situation entstanden, dass Oliver Neuville zwar auf 13 WM-Einsätze – mehr als Fritz Walter, Michael Ballack oder Zinedine Zidane – kommt, er bis heute jedoch kein einziges EM-Spiel bestritten hat.

„Ich mache mir nicht so viele Gedanken, ob ich dabei bin oder nicht“, sagt Neuville im Trainingslager der Nationalmannschaft auf Mallorca. „Im Moment bin ich ja hier.“ Eine Ausscheidungsrunde muss er noch überstehen. Am Mittwoch, am Tag nach dem Testspiel gegen Weißrussland, wird der Kader von 26 auf 23 Mann zusammengestrichen, und es wäre eine wirklich hübsche Pointe, wenn Neuville das, was er in seinen besten Jahren als Spieler des Topvereins Bayer Leverkusen nicht geschafft hat, mit nun 35 Jahren und als nomineller Zweitligaspieler schaffen würde.

Der Bundestrainer jedenfalls hat ihm schon vor seiner Vertragsverlängerung in Mönchengladbach mitgeteilt, dass die Zweite Liga kein Hinderungsgrund für eine EM-Nominierung sei. „Ich weiß, wie du spielst“, hat Joachim Löw gesagt. „Die Leistung muss stimmen.“ Und das hat sie: Der zuletzt verletzungsanfällige Neuville hat alle 34 Saisonspiele bestritten, 15 Tore erzielt und 10 vorbereitet – unter Bedingungen, die für einen Stürmer keineswegs einfach waren: „Viele Mannschaften sind nach Gladbach gekommen, haben mit elf Mann hinten gestanden und sich gesagt: Bloß kein Tor kriegen.“

Patrick Helmes ist Neuvilles letzter Konkurrent um den fünften Platz im Sturm (siehe Interview). Helmes hat in Köln ähnliche Erfahrungen gemacht. „Patrick hat auch eine gute Saison gespielt“, sagt Neuville. „Vielleicht sind wir ja beide dabei.“ Bisher galt es als ausgemacht, dass nur einer der beiden dem endgültigen Kader angehören werde. Aber vielleicht nominiert Löw auch sechs Stürmer und dünnt lieber das Mittelfeld aus: Es könnte Jermaine Jones treffen, den vierten Bewerber für gerade einen Platz in der Defensive, oder Piotr Trochowski und David Odonkor. Eng wird es auch für Tim Borowski, der auf Mallorca wegen eines grippalen Infekts noch nicht trainiert hat.

Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, sagt dem Bundestrainer „eine sehr schwere Entscheidung“ voraus, aber wen auch immer es noch erwischen wird – „die Jungs wissen, dass sie eine Zukunft bei uns haben können“. An Oliver Neuville hat er dabei vermutlich nicht in erster Linie gedacht.

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