Sport : In Schönheit absteigen?

Hoffenheim: Gisdol setzt auf spielerische Qualität.

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Wolfsburg - Die Nachfragen kamen wie Pfeile auf ihn zugeflogen, und Markus Gisdol ließ sie voller Gelassenheit an sich abprallen. Ab und zu nippte der Schwabe an einem Becher und versuchte all jene zu bekehren, die ihm partout nicht glauben wollten. Fünf Spieltage bleiben dem neuen Trainer der TSG Hoffenheim noch, um den drohenden Absturz aus der Fußball-Bundesliga abzuwenden. Sein stoisches Auftreten erweckt den Eindruck, als ob ihm noch fünf Monate zur Verfügung stünden. „Wir wollen vernünftig Fußball spielen. Alles andere blenden wir aus“, behauptet Gisdol. Ja und die Tabelle? Interessiert ihn angeblich nicht. Der 43-Jährige versichert, er werde seine Mannschaft nicht danach beurteilen, wo sie in der Tabelle steht, sondern welche Fortschritte sie macht.

Was sich realitätsfern und naiv anhört, traut sich eigentlich niemand zu sagen, der gerade eine Festanstellung im bezahlten Fußball angetreten hat. Unter der Regie von Gisdol hat die TSG Hoffenheim erst Fortuna Düsseldorf besiegt und jetzt ein 2:2 beim VfL Wolfsburg erkämpft. Bis kurz vor Schluss durfte er sogar von einem Auswärtssieg träumen. Es blieb einer Schwäche beim Kontern und einer Unaufmerksamkeit bei einem Eckball vier Minuten vor dem Spielende geschuldet, dass doch noch ein Wolfsburger Treffer fiel. Ein Kopfball von Naldo, für den sich die Hoffenheimer Abwehrspieler nur bedingt interessiert hatten, sorgte für eine Punkteteilung, mit der die TSG am Ende aber doch recht gut leben kann.

Vielleicht führt die Variante Gisdol, der gerne an bessere Hoffenheimer Zeiten anknüpfen möchte, wirklich zum Verbleib in der Bundesliga. Während der Trainer einem fast schon philosophischen Ansatz nachgeht, stürzen sich seine Spieler mit neuer Euphorie in den Abstiegskampf. „Es ist noch alles möglich für uns“, sagte Kapitän Beck und sprach einer Mannschaft Mut zu, die viele harte Zweikämpfe geführt hatte und für ihren Elan zumindest mit einem Teilerfolg belohnt wurde.

Großen Anteil am Prestigeerfolg in Wolfsburg hatte der Hoffenheimer Schlussmann Koen Casteels. Der Belgier vertrat den verletzten brasilianischen Stammtorhüter Heurelho Gomes und leistete dabei ganze Arbeit. Casteels rechtfertigte seine Aufstellung und ließ fast in Vergessenheit geraten, dass ein einst Großer seines Berufsstandes weiterhin unerwünscht ist. Für Tim Wiese, den in Hoffenheim in Ungnade gefallenen Torhüter, blieb im Kader der TSG nicht einmal ein Platz als zweiter Reservist. Gisdol mag bei der Weiterentwicklung der Mannschaft weiche Töne anschlagen. Im Fall von Wiese bleibt er knallhart.

Zwischen all die glücklichen Männer, die den Hoffenheimern zu ihrem Punktgewinn im Niedersächsischen vor Ort gratulierten, mischte sich ihr Geldgeber. Dietmar Hopp war von der Tribüne aus direkt zur Umkleidekabine geeilt, um sich mit der noch nachschwitzenden Mannschaft zu freuen. Der Mäzen erweckt nicht den Eindruck, als ob ihm die Aussicht auf besseren Fußball wichtiger als der Verbleib im Oberhaus sei. Der vierte Hoffenheimer Trainer innerhalb einer Saison dürfte von Hopp nicht dafür angestellt worden sein, dass man in Schönheit absteigt. Markus Gisdol beharrt dennoch darauf, dass es sein Ziel bleibt, mit seiner Mannschaft wieder an alte und bessere Zeiten anzuknüpfen. „Das ist keine Strategie, die mit der Vereinsführung abgesprochen ist. Das ist und bleibt unsere Überzeugung“, sagte der mit Abstand harmoniebedürftigste Trainer, den die TSG Hoffenheim in dieser Spielzeit bisher beschäftigt hat. Christian Otto

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