Inter Mailand : Kraft der Rache

Bei Inter haben viele Spieler eine besondere Motivation, in Madrid gegen den FC Bayern zu gewinnen.

Tom Mustroph

Samuel Eto’o hat ein gutes Gefühl. Der Mann, der schon zweimal den Champions-League-Pokal in den Händen gehalten hat, bastelte in einer Trainingspause in Mailand aus einem Ball und einer kegelförmigen Spielfeldbegrenzung einen improvisierten Pokal. Schelmisch zu den knapp 200 anwesenden Medienvertretern herüberblickend hob der Kameruner das Gebilde stolz gen Himmel und intonierte den alten Hit „We are the Champions“. Spontan fielen ein paar Mannschaftskameraden ein, in der Sicherheit auch den echten Pott am Samstag stemmen zu dürfen.

Eto’o weiß, wie man Tore im Finale schießt. Sturmpartner Diego Milito, sonst eher zurückhaltend, hat bereits einen eigenen Treffer angekündigt. Goran Pandev, der dritte Angreifer, fühlt sich nach einem physiologischen Tief wieder fit und prognostiziert „ein großes Finale von mir“. Mario Balotelli, der wahrscheinlich von der Bank kommen wird, ist nach den Querelen der letzten Zeit wieder in allen Ehren in den Kader aufgenommen.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Kraft der Rache. Die einst von Real Madrid (ebenso wie Bayerns Arjen Robben) als nicht würdig aussortierten Esteban Cambiasso, Eto’o und Wesley Sneijder sprühen vor Ehrgeiz, im Bernabeu-Stadion einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Dejan Stankovic schließlich verwies auf eine weitere Motivation: „Wir kämpfen für die, für die dieses Spiel das letzte Finale in diesem Jahr ist.“ Der Serbe spielte vor allem auf die vom argentinischen Nationaltrainer Diego Maradona nicht berücksichtigten Routiniers Javier Zanetti und Cambiasso an. Dass die beiden Oldies noch einen Tick mehr rennen, mehr kämpfen und noch mehr mögliche Löcher stopfen werden als sonst, versteht sich von selbst.

Es ist nicht zu erwarten, dass Trainer José Mourinho die Bayern so sehr auf die leichte Schulter nimmt, wie es seine öffentlichen Äußerungen vermuten lassen. „Der Trainer hat uns immer ganz hervorragend auf den Gegner eingestellt“, sagt der ehemalige Münchner Lucio, der bei Inter seine ungestümen Vorstöße aus Bayern-Zeiten abgestellt hat. „Mourinho hat mir vorgeschrieben, mich nur auf die Defensive zu konzentrieren“, sagt der 32-Jährige. Bei Inter ist Lucio dafür verantwortlich, die erfahrene brasilianisch-argentinische Abwehrkette mit Maicon, Walter Samuel und Zanetti zusammenzuhalten – die vier Verteidiger haben ein Durchschnittsalter von 32 Jahren. Nach fünf Jahren beim deutschen Rekordmeister hatte der brasilianische Verteidiger München im vergangenen Sommer für rund sieben Millionen Euro in Richtung Mailand verlassen. Die Art und Weise, wie ihn der FC Bayern damals widerstandslos ziehen ließ, bezeichnete der brasilianische Nationalspieler als „respektlos“. Deswegen mag man Lucio auch nicht so recht glauben, wenn er sagt: „Dass es im Endspiel jetzt gegen Bayern geht, ist für mich nicht mit besonderen Emotionen verbunden. Wichtig ist, dass wir im Finale stehen. Das ist etwas Besonderes.“

Trotz aller Vorfreude auf das große Finale ist im Lager der „Nerazzurri“ auch Melancholie zu verspüren. Gewinnen die Italiener in Madrid, wird Mourinho wohl gehen müssen; seine potenziellen Nachfolger werden schon in Stellung gebracht. Bei einem Inter-Sieg aber wären die Italiener wohl sogar finanziell daran beteiligt sein, dass sie ihren Trainer verlieren. Nach einem Bericht der spanischen Sportzeitung „As“ hat Real bei Wesley Sneijders Wechsel im vorigen Sommer mit Inter eine Prämie von drei Millionen Euro ausgemacht, sollten die Italiener Sneijder die Champions League gewinnen. Inter hatte für den 25-Jährigen 15 Millionen Euro bezahlt, verpflichtete sich aber, weitere drei Millionen draufzulegen. Dieses Geld würde der spanische Rekordmeister vermutlich als einen Teil der Ablösesumme für Mourinho investieren. Der Portugiese selbst ließ seine Zukunft gestern weiter offen. „Nach dem Endspiel 2004 mit Porto wusste ich: Das war mein letztes Spiel. Das kann ich diesmal nicht sagen“, sagte Mourinho. „Ich kümmere mich hier nicht um Real. Ich kümmere mich nur um das Finale mit Inter.“ mit dpa

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