Interview : „Beim Schwimmen fühle ich mich nicht behindert“

Kirsten Bruhn über ihren Sport, den sie nach einem Unfall anders betreibt – und ihr Leben, das sie manchmal innerlich heilt.

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Kirsten Bruhn zu Besuch beim Tagesspiegel. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frau Bruhn…



Stopp! Sie müssen den Stuhl nicht wegnehmen. Ich möchte mich da hinsetzen.

Entschuldigung, wir dachten, Sie wollen vielleicht in Ihrem Rollstuhl bleiben.

Nein, ich sitze entspannter im Stuhl. Schauen Sie, das ist mein Porsche, mein aktiver Rollstuhl. Die Lehne ist sehr kurz, damit ich aufrecht sitze. So trainiere ich die Rückenmuskulatur. Aber jetzt möchte ich mich zurücklehnen.

Haben wir etwas falsch gemacht?

Wenn ich Hilfe brauche, sage ich das. Ich erlebe es oft: Ich rolle in ein Restaurant, die Kellner rücken die Stühle weg. Dabei könnten sie einfach fragen. Sie erkundigen sich ja auch, wie ich mein Spiegelei zubereitet haben möchte: Von beiden Seiten gebraten oder auf einer Seite roh.

Nervt es Sie, wenn Ihnen andere helfen?

Die Leute werden immer hibbelig, wenn jemand im Rollstuhl kommt. Sie tänzeln von links nach rechts und zurück, sie denken: Wo rollt sie jetzt lang? Sie halten die Tür oben auf, damit ich mit dem Rollstuhl unter den Armen durchfahre, dabei könnten sie vorgehen. Viele sind überfordert, das nervt schon. Diese Blicke, das Helfersyndrom. Wenn ich mit dem Stuhl wieder zum Rollstuhl zurückruckle, holen die Leute ihn gleich heran. Aber das müssen sie nicht. Langsamkeit macht mir nichts, das ist mein Leben. Ich denke dann: Entspannt Euch, bleibt mal normal!

Sagen sie das auch so?

Ja, aber das klingt etwas kiebig, arrogant. Jeder Behinderte ist anders. Das müssen wir zeigen. Wir sind eine Minderheit, wir müssen die anderen therapieren.

Hilft es Ihnen, dass Sie als Vorbild ausgerufen werden, auch für Nichtbehinderte? Oder fühlen Sie sich ausgenutzt?

Nein, das nicht. Ich frage mich eher, wie krank unsere Welt ist, wie sehr sich Menschen beeinflussen lassen. Nur weil ich im Fernsehen zu sehen bin, habe ich keinen Heiligenschein. Es ist seltsam, dass Leute kommen, nur um mich zu berühren. Aber es liegt ja an mir, das zu nutzen für mich und den Behindertensport.

Wie finden Sie das Wort Behindertensport?

Wie soll man das anders definieren? Wir treiben Sport und sind behindert, das ist so etwas wie eine Klassifizierung. Man kann im Hochleistungssport auch nicht das Geschlecht unberücksichtigt lassen.

Es gibt ja schon innerhalb des Behindertensports Streit um die Einordnung in die richtige Starterklasse…

Bei manchen, die ohne Hilfe auf das Siegerpodest steigen, fragt man sich: Ist es richtig, dass die vor einem Gold geholt haben? Aber ich will nur für mich etwas erreichen, bin auch mit einem zweiten Platz in einer guten Zeit zufrieden. Es wird nicht schöner, wenn man durch ein Veto einen Platz nach vorne rückt.

Der beinamputierte Sprinter Oscar Pistorius versucht, sämtliche Klassifizierungen aufzuheben. Er läuft auf zwei Carbonprothesen und will bei Olympia gegen nichtbehinderte Sprinter antreten.


Ich mache mir sicher viele Feinde, aber für mich ist das ein anderer Sport. Die Carbonprothesen enthalten eine Federfunktion. Das ist nicht fair gegenüber jemandem, der mit seinen beiden Beinen läuft. Ich finde die Leistungen von Oscar Pistorius anerkennenswert. Wenn er bei Olympischen Spielen starten will, soll er das tun – für seine eigene Wertigkeit, für das Gefühl, dass er sich mit denen messen kann. Aber außer Konkurrenz.

Ein Lauf innerhalb der Konkurrenz wäre ein Signal: Auch Behinderte können alles.

Ich möchte da unterscheiden. Auf der einen Seite steht der Mensch Oscar Pistorius, auf der anderen der Sportler. Ich unterstütze den Menschen Pistorius, der als Mensch wahrgenommen werden möchte und nicht als Mensch mit Prothesen. Aber ich halte es für keine gute Idee, dass Behinderte und Nichtbehinderte nebeneinander um die gleiche Medaille laufen.

Dennoch fordern viele paralympische Sportler, dass Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam trainieren.


Das befürworte ich auch. Es nützt nichts, wenn sich nur Behinderte untereinander kennenlernen und mal über ihre Handicaps lachen. Wenn irgendwann in gemischten Gruppen gemeinsam darüber gelacht wird, sind wir endlich integriert.

Wie kann das gelingen?


In Deutschland wird viel geredet, wie man Alten und Kranken helfen kann, aber es passiert wenig. In England und den USA muss ein Sportverein Strafe zahlen, wenn er keine behinderten Mitglieder hat – wie Arbeitgeber hierzulande auch. Nur so erzielt man Wirkung.

Ist das nicht Gutmenschentum per Gesetz?


Wieso? Öffentliche Gebäude müssen barrierefrei sein, nicht bloß für Behinderte, auch für Kinder. Wo kommt eine Mutter mit Twinbuggy noch durch heutzutage? Die muss beim Einkaufen ihren Wagen vor der Tür stehen lassen und hoffen, dass die Kinder noch da sind, wenn sie wiederkommt. Es gibt so viele Hindernisse. In Zügen sind die Gänge zu eng; mit Gepäck und im Rollstuhl ist es quasi unmöglich. In Flugzeugen musste man bis vor wenigen Monaten einen Rollstuhl als Übergepäck bezahlen. Nach einem Flug aus Südafrika war mein Rollstuhl verschwunden, da wollte man mir 1500 Euro geben - die höchste Entschädigung für verlorenes Gepäck. Ich habe gesagt: Das ist nicht mein Gepäck, das sind meine Beine! Fakt ist: Wir haben eine körperliche Einschränkung. Aber deshalb sind wir nicht von geringerer Qualität.

Wie lange haben sie gebraucht, um das nach Ihrem Unfall selbst zu akzeptieren?


Elf Jahre. Elf schwarze Jahre. Ich habe nur wenige Erinnerungen daran – die handeln von Leid, Qualen. Ich war Leistungsschwimmerin und stand nach dem Unfall vor einer Wand. Ich wollte weitermachen, aber kam nicht durch die Wand. Inzwischen weiß ich: Ich kann schwimmen. Es geht jetzt anders, aber es geht.

Was fühlt sich anders an?


Als ich zum ersten Mal wieder ins Wasser ging, dachte ich: Jetzt ertrinkst Du. Ich fühlte mich wie eine Boje: Meine Beine konnte ich nicht bewegen, mein Hintern ging permanent nach oben. Ich lag nicht länglich im Wasser, sondern hatte das Gefühl, eine Kugel zu sein.

Ist es härter, mit der Kraft der Arme zu schwimmen?

Die Bewegung läuft anders ab, die Belastung ist höher. Ich ermüde schnell, weil nur der obere Körper mitarbeitet. Die Stabilisierung der Beine fehlt. Auf langen Distanzen breche ich hintenraus ein.

Sind behinderte Sportler ehrgeiziger?

Man ist härter, aber sorgfältiger mit sich selbst. Weil wir Behinderten wissen, wie wichtig es ist, auf Signale des Körpers zu hören. Wenn mir alles weh tut, kürze ich den Trainingsplan. Ich weiß, wie es ist, wenn man Funktionen verliert.

Und woher kommt die Härte?


Um Schmerzen zu bekämpfen. Manchen Schmerz kann man sich größer einreden als er ist. In meiner Werkstatt kann ich die Schmerzen minimieren.

In welcher Werkstatt?

Es geht um eine Entspannungstherapie, bei der ich mich in eine Werkstatt hineindenke. Es ist schwer zu erklären.

Versuchen Sie es!

Du machst es dir gemütlich auf einer Isomatte, hörst Entspannungsmusik. Du atmest gleichmäßiger, flacher und denkst an schöne Sachen. Dieses Schöne ist schon dein Kern. Ich bin dann in meinem Unterbewusstsein, in meinem Kern, der mich ausmacht, der meine Sensibilität, meine Wahrnehmung und meinen Geist steuert. Dort drin kann ich bestimmte Sachen an mir gestalten. Und dann kannst du noch eine Stufe runtergehen: Du zählst dich in dich selbst hinein, vergisst alles um dich herum. Dann bist du da unten in deiner gestalteten Mitte.

Wie sieht die aus?


Schwer zu sagen, es ist ja eine Wahrnehmung. In meiner Mitte ist es ganz sauber, alles ist rund und nicht eckig, die Farben sind weich. Jeder hat seine Harmonie dort unten. Bei mir gibt es drei Räume, in denen ich mich heile: das Labor, den OP und die Werkstatt. Da gehe ich hin und schneide mir einen Schmerz in Gedanken weg. Und es gibt eine Dusche, in der du dich gesund duschen kannst – mit einer Substanz, die dir lieb ist. Das kann sich jeder selbst ausdenken.

Geht das denn so einfach?

Man muss es lange lernen. Ich habe viele Wochenendkurse belegt, mir das täglich vor dem Schlafengehen antrainiert. Es ist erstmal wichtig, zur Ruhe zu kommen, man muss gegessen haben, im Kopf muss alles erledigt sein. Dann legst du dich hin und kannst dich stärken. Es ist, als ob man in frischer Bettwäsche liegt und einatmet. Das schöne Gefühl kannst du erweitern, indem du in dich reinarbeitest.

Ist das wie Träumen?

Ich träume bewusst in wachem Zustand.

Hat der Unfall Ihren Kern verändert?


Ja. Ich bin nicht mehr Kirsten, die Fußgängerin, sondern Kirsten, die Rollstuhlfahrerin. Ich bin schon irgendwie anders. Ich würde nicht in diesem Gespräch hier sitzen, wenn ich noch Fußgängerin wäre.

Denken Sie noch an den Unfall?

Natürlich, ich werde ja oft darauf gestoßen. Erst gerade wieder, als ich die Auszeichnung zur Sportlerin des Jahres von der Bundeskanzlerin bekam. Danach hat mich ein Freund angerufen und mir gratuliert, weil ich damit auch eine Reise gewonnen habe. Ich kann mit anderen Spitzensportlern im kommenden Sommer in den Urlaub fahren. Ich habe ihn gefragt: Wo findet das diesmal statt? (schweigt)

Wo?

Griechenland. Insel Kos.

Dort, wo Sie Ihren Unfall hatten?

Ich weiß gar nicht genau, wo es war, ich kenne nicht die Kurve, aus der wir rausgerutscht sind. Natürlich frage ich mich: Wie wäre es, wenn ich da stehen würde? Wenn ich sehe, dass ich nur zwei Meter weiter hätte fallen müssen, und dann 500 Meter in die Tiefe gestürzt wäre. Manchmal habe ich mir das gewünscht.

Welche Erinnerungen haben Sie noch?

Ich hatte einen Bluterguss im Rückenmark. Die medizinische Versorgung war sehr schlecht. Nach vier Stunden kam ein Rettungsflug in Richtung Deutschland, aber als der abheben wollte, war etwas kaputt. Ich musste noch einmal vier Stunden warten. In dieser Zeit hat mir der Bluterguss die Nerven zugequetscht.

Wollen Sie wirklich zu diesem Ort zurück?


Als ich davon erfahren habe, dass es nach Kos geht, habe ich meinen Vater angerufen. Er hatte dann bestimmt eine unruhige Nacht. Ich lag auch wach und dachte: Wie viele schöne Sachen habe ich erlebt? Muss ich für den Unfall nicht auch dankbar sein? Und dann: Nein, ich hätte mir den gern erspart. Ich bin mir sicher: Hätte ich mir diesen Weg erspart, hätte ich einen anderen schönen Weg genommen. Hätte, wäre, könnte… (weint)

Könnte auch etwas Positives darin liegen?

Es ist wohl Schicksal, ein Kreis schließt sich.

Und dann ist etwas zu Ende?


Ich kenne behinderte Sportler, die damit umgehen wie mit einem Kinderspiel. Sie sagen: Ich gehe nicht mehr auf 1,80 Metern Höhe, sondern sitze auf 1,20 Metern. Einer hat mir gesagt, er sei glücklicher als vorher. Er meint, dass er jetzt eher als Person wahrgenommen wird denn als Mann, der gut aussieht. Frauen wertschätzen das allemal.

Können Sie diese Einstellung verstehen?

Nein, auch in 30 Jahren nicht. Männer haben wohl sowieso Probleme, Gefühle in Worte zu fassen.

Ach was?

Frauen sind anders gestrickt. Ich sage immer: Eine Frau im Rollstuhl hat es tausendmal schwerer, einen Mann zu finden, als ein Mann im Rollstuhl, eine Frau zu finden. Vielleicht denken Frauen: Einen Mann im Rollstuhl habe ich für mich allein, der kann mir nicht weglaufen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Was? Ihr eigenes Privatleben?


Ich bin nicht grottenhässlich und nicht auf den Kopf gefallen, aber mit mir haben viele Männer ein Problem. Womöglich liegt das auch daran, dass ich bekannt bin, dass ein Mann sich kleiner fühlt.

Gibt es viele Beziehungen unter Rollstuhlfahrern?

Die gibt es, aber es muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich hab nicht so viel Glück. Vielleicht bin ich nicht immer so selbstbewusst, vielleicht ist der Schein von Selbstbewusstsein eine Art Schutz. (stockt)

Sollen wir aufhören?

Nein. Wissen Sie, die Menschen sind einfach zu sehr visuell geprägt.

Kann man das ändern?


Das werde ich höchstens erleben, wenn ich wiedergeboren werde. Dafür sind wir zu sehr auf Claudia Schiffer aus, auf „Deutschland sucht den Superstar“. Dafür geht es zu sehr um Optik, Schönheit, um Oberflächlichkeit.

Haben Sie Angst, durch den Sport Ihren Körper zu schädigen?


Ich passe genau auf mich auf. Das heißt nicht, dass ich mich beim Sport nicht quäle. Ich trainiere jeden Tag fünf bis sechs Stunden, davon vier im Wasser. Ich teste meine Grenzen, aber gehe nicht im schädlichen Sinne über sie hinweg, nur um eine Medaille mehr zu gewinnen. Mein Körper hat ja keinen Bonus.

Welchen Wert haben Medaillen für Sie?


Ich habe erst durch Zufall erfahren, dass meine Goldmedaille aus Peking 20 000 Euro wert sein soll. Mir bedeutet das nichts. Ich hänge sie nicht an die Wand oder stelle sie in der Vitrine aus. Sie kommt wie alle anderen in die Schublade. Wenn ich sie mal anschaue, ist mir das eine Bestätigung, dass ich dieses Rennen erleben durfte, ein ideeller Wert.

Denken Sie an das Leben nach dem Sport?


Ungern. Ich weiß, dass mir Sport unheimlich viel gibt. Beim Laufen sehe ich aus wie eine Ente, die betrunken ist. Wenn ich schwimme, fühle ich mich nicht behindert. Sicher genieße ich auch, dass ich als Vorbild gesehen werde. Ich bin fit, ich will nicht dick im Rollstuhl werden. Und ich habe elf Jahre aufzuholen.

Und wofür kämpfen Sie danach?

Für mich.

Das Gespräch führten Robert Ide und Annette Kögel.

Kirsten Bruhn gehört zu den erfolgreichsten Sportlern Deutschlands. Die 39-jährige Schwimmerin aus Schleswig-Holstein gewann bei den Paralympics in Peking eine Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen. In dieser Woche wurde sie als Behindertensportlerin des Jahres ausgezeichnet. Bruhn war schon als Kind Leistungssschwimmerin. Bei einem Motorradunfall auf der Urlaubsinsel Kos in Griechenland vor 18 Jahren erlitt sie eine inkomplette Querschnittlähmung und bewegt sich seitdem im Rollstuhl. Sie kann noch die vordere Oberschenkelmuskulatur bewegen und so teils an Krücken laufen. Bruhn arbeitet als Sozialversicherungsfachangestellte bei einer Krankenkasse und gibt auch Motivationscoachings. Als paralympische Sportlerin erreichte sie mehr als 30 Weltrekorde.

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