Interview : Böger: „Beim Sport erlebt man seine Mitschüler neu“

Berlins Sportchef Klaus Böger über Chancen und Risiken der Ganztagsschulen für die Vereine sowie die sportliche Betätigung eines ehemaligen Schulsenators.

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Klaus Böger, 64, ist Präsident des Berliner Landessportbundes. Zuvor war er Schul- und Sportsenator.Foto: dpa

Herr Böger, wie viele Sportvereine haben sich bei Ihnen schon gemeldet und gesagt: Die Ganztagsschule macht uns kaputt?


Viele Vereine machen sich Sorgen. Zum einen fürchten sie, dass sie ihre Sportanlagen nicht mehr wie bisher nutzen können, weil die Schule sie nun länger beansprucht. Zum anderen, dass Kinder und Jugendliche nach einem langen Schultag keinen Sport machen wollen. Es muss uns gelingen, Vereine mit ihren Übungsleitern in den Schulbetrieb zu bringen, sonst sehe ich für die Zukunft schwarz.

Wenn Schüler auch noch Trompete spielen und zu den Pfadfindern gehen, reicht ihnen der Sport in der Schule vielleicht.

Das können wir nicht vorhersehen. Unsere Angebote sind als positiver Anreiz gedacht, um Schüler für den Sport zu interessieren. Aber spannend wird es, wenn ich Wettkämpfe machen will. Dafür muss ich in den Verein gehen.

Im Basketball gibt es initiiert von Alba Berlin schon eine Grundschulliga.

Aber auch Alba macht das, weil der Klub die Kinder für sich gewinnen möchte. Ich denke, dass junge Leute eher in Vereine wollen. Mit unseren Übungsleitern können wir Kinder in der Schule abholen.

Wie soll denn das gehen?

Der entscheidende Ansatzpunkt sind die Schulleiter. Nur auf dieser Ebene kann man Räume öffnen, Vereinbarungen treffen. In meiner Idealvorstellung orientiert sich der Schulleiter in seinem Bezirk, welche Vereine es da gibt oder die Vereine sprechen ihn an. Es stehen dann genügend von uns ausgebildete Übungsleiter zur Verfügung und bieten in einem Zwei-Tage-Rhythmus eine Palette von verschiedenen Sportmöglichkeiten an.

Wie vielen Schulleitern müssen Sie den Wert des Sports noch erklären?

Es gibt Schulleiter, die sind sofort begeistert. Und es gibt welche, die sagen: Bitte, wir haben schon drei Stunden Sport. Außerdem wäre ich der Letzte, der meint, Musikschulen seien weniger wert. Musizieren ist etwas genauso Schönes. Wir haben kein Monopol, wir können nur Angebote machen. Beim Sport erlebt man seine Mitschüler neu – so, wie man sie vorher noch nie gesehen hat.

Muss der Verein auf die Schule zugehen oder die Schule auf den Verein? Appellieren können Sie ja viel.

Wir sind nicht bei null. Es gibt bereits 750 geförderte Gruppen im Ganztagsschulbetrieb, rund 350 Schulen haben Kooperationen mit 210 Vereinen. Das müssen wir ausbauen. Dazu werden wir im Frühjahr den Vereinen unser Programm vorstellen, ihnen über Beispiele zeigen, wie es geht. Parallel dazu werben wir bei den Schulleitern. Wobei man aufpassen muss, dass die Schulen nicht die Klappe runtermachen, wenn sie etwas von oben angeordnet bekommen.

Das machen wohl die Schulen, wenn Sie da ankommen als ehemaliger Schulsenator.

Nein, wenn man weg ist, kommen Lehrer und sagen: Über Sie habe ich mich auch geärgert, aber jetzt sind die Probleme nicht geringer. Ich will niemandem etwas aufdrängen. Vielleicht ziehen wir ja durch die Schulen und machen Werbung vor Ort.

Was werden Sie den Schulleitern dann erzählen?

Die Schulleiter fragen als erstes: Wie sind Ihre Leute ausgebildet? Sind die zuverlässig? Ist eine Konstanz da? Wir werden von unseren Übungsleitern ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis verlangen. Wir überprüfen die persönliche Eignung. Jeder weiß, dass es in diesem Bereich nicht nur Leute gibt, die das Wohl der Kinder und Jugendlichen im Auge haben. Es gab Fälle von pädophilen Trainern, das ist eine Promillezahl, aber die Schulleiter müssen die Antennen dafür ausfahren.

Was ist mit der fachlichen Kompetenz der Übungsleiter?

Da gibt es noch ein Grundsatzproblem: Jeder im deutschen Bildungssystem hat ein abgeschlossenes Studium. Aber eine Ganztagsschule von morgens bis abends mit studierten Lehrern auszustatten, kann niemand bezahlen. Es ist sinnvoll, die Jugendhilfe, zu der auch der Sport gehört, in die Schule zu holen.

Wie wird das finanziert?

Die Schulen haben neben ihren Planstellen ein Budget für Personal, über das sie verfügen können. Da kann der Schulleiter in seiner Konferenz sagen: Ich bezahle davon Musikunterricht oder Übungsleiter. Meine Sorge ist, dass die beweglichen Budgets in den Schulen nicht ausreichen oder die Schulen sagen: Ich stelle lieber einen Pädagogen mehr ein, als dass ich noch viele Übungsleiter bezahle.

Wie sollen die Übungsleiter bezahlt werden? Werden manche nicht mehr verlangen, weil sie denken, dass sie eine staatliche Aufgabe übernehmen?

Zurzeit bekommen die Vereine für den Übungsleiter vom Senat 6,50 Euro für 45 Minuten und 13 Euro für eine Doppelstunde. Wir fordern, dass wir auf 12,50 Euro für eine Schulstunde kommen, also auf 25 für eine Doppelstunde. Wir werden aber nie dahin kommen, dass Übungsleiter so bezahlt werden wie ausgebildete Lehrer. Der Finanzsenator hat mich mal gefragt: Wer sind das denn, eure Übungsleiter? Es sind gut ausgebildete nebenberufliche Fachkräfte, Studenten, Menschen, die im Beruf pausieren, manche, die davon leben.

Also ist die Ganztagsschule kein Arbeitsmarkt für eine neue Schicht von Trainern?

Das könnte passieren. Vielleicht entwickelt sich eine Zwischenstufe zwischen den ausgebildeten C- und B-Trainern und den voll akademisierten Diplom- sportlehrern.

Aber ist es nicht schwierig, wenn ein Student an zwei Nachmittagen in der Woche die Gesamtverantwortung für eine ganze Schulklasse hat, auch mit Kindern, die vielleicht gar keine Lust auf Sport haben?

Das wird sich aufteilen, die einen machen zum Beispiel Musik, die anderen Sport, da entwickeln sich Neigungsgruppen. Natürlich kommt da auch mal einer zu spät, wie überall. Aber wir haben bislang noch nichts Schlechtes gehört.

Für welche Vereine ist die Ganztagsschule eine Chance?

Sicher hat der Vielspartenverein das breiteste Angebot. Außerdem hat er hauptamtliche Mitarbeiter, die auch tagsüber für die Schule erreichbar sind. Ganz kleine Vereine haben nicht so viele Übungsleiter, die sie an die Schulen schicken können. Aber wenn etwa der Badmintonverband sagt, ich habe keinen Verein, der das stemmen kann, kann er es doch auch selbst anbieten.

In vielen ärmeren Bezirken kann Vereinsmitgliedschaft auch am Beitrag scheitern.

Da gibt es bei uns auch das Programm „Kids in die Sportklubs“. Damit haben wir schon für 1500 Kinder den Vereinsbeitrag übernommen. Diese sozialen Probleme kann man abfedern. Wenn irgendwann keine Kinder mehr in die Vereine gehen, weil in der Schule so viel angeboten wird, werden sich die Vereine aber sicher überlegen, ob nicht alle, die betreut vom Übungsleiter in der Schule Sport machen, automatisch Mitglied werden sollen. Das dürfte allerdings rechtlich etwas schwierig werden.

Welche Sportarten werden zu den Gewinnern gehören?

Die Spielsportarten sind im Vorteil. Da können sie mehrere Leute gleichzeitig beschäftigen, außerdem sind sie preisgünstig. Die Klassiker sind ohnehin die Leichtathletik und die Ballsportarten. Fechten dagegen ist sehr betreuungsintensiv, außerdem brauchen Sie eine Ausrüstung. In den Ganztagsschulen können sich auch neue Schulmannschaften bilden.

Kommt bald der Ganztagsschulen-Cup?

So etwas kann sich entwickeln. Dadurch, dass Schule nicht mehr den Charakter von 8 bis 13 Uhr hat, wächst eine neue Identität. Es könnte ja so werden wie in England, wo der Sport vielfach über die Schulen läuft. Schon jetzt haben wir in Berlin Schulmeisterschaften, die ein offener Wettbewerb sind, bei dem nicht die Eliteschulen des Sports untereinander den Sieg ausmachen. Aber auch mehrere Schulmeisterschaften wären nicht der Tod der Vereine, sondern eine Ergänzung. Der Verein ist ein hochflexibles, anpassungsfähiges System.

Treiben Sie denn selbst Sport im Verein?

Ich bin Mitglied in mehreren Vereinen, unter anderem beim VfK Südwest und seit elf Jahren bei Hertha BSC.

Und wo treiben Sie Sport?

Ich mache meistens alleine Nordic Walking, also nicht im Verein, das ist ein Fehler. Ich bin da kein Vorbild. Meine Frau hat eine regelmäßige Vereinsstunde. Als Senator war es für mich schwieriger, eine feste Zeit in der Woche zu finden, in der ich zu einem Verein gehen konnte.

Haben Vereine die Chance, Klaus Böger als aktives Mitglied zu gewinnen?

Fürs neue Jahr habe ich mir etwas vorgenommen. Ich will wieder Sport im Verein machen, zum Beispiel im Sport-Gesundheitspark. Ich habe nach meiner Senatorenzeit beim Volleyballverband Tennis gespielt, allerdings habe ich mir da die Achillessehne gerissen.

Das Gespräch führten Robert Ide und Friedhard Teuffel.

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