Interview : "Der DDR-Sport wird an den Pranger gestellt"

Schwimmlegende Roland Matthes ist bisher der einzige Ostdeutsche in der neuen Hall of Fame des Sports.

Matthes
Der viermalige Schwimm-Olympiasieger Roland Matthes. -Foto: dpa

Herr Matthes, was bedeutet es für Sie, Mitglied in der Hall of Fame des deutschen Sports zu sein?

Das ist ein erhabenes Gefühl und eine Sache, auf die ich stolz bin.

Aber wofür braucht man eine Hall of Fame?

In Amerika ist das sehr verbreitet. Dort bin ich auch Mitglied der Swimming Hall of Fame. Und ich finde es richtig, dass Sportidole einen Platz bekommen, an den auch Nachwuchssportler kommen können.

Ist eine Hall of Fame nicht das falsche Signal, weil es den Sport auf ein noch höheres Podest hebt?

Nein. Es geht vielmehr darum, die Attraktivität des Sports herauszustellen, Sportarten zu verbinden und die Vorbildfunktion des Sports zu unterstreichen.

Stört es da nicht, dass auch fünf ehemalige NSDAP-Mitglieder geehrt werden wie beispielsweise Radsportler Gustav Kilian oder Dressurreiter Josef Neckermann?

Nein. Das gehört zur Aufarbeitung unserer Geschichte dazu. Auch die haben etwas für den Sport geleistet.

Allerdings soll auch das gesellschaftliche Engagement der Sportler geehrt werden.

Das ist richtig. Aber viele wussten damals gar nicht genau, was sie taten. Wie auch in der DDR. Man sollte die Sache sehr differenziert betrachten.

Es gibt mit Ingrid Mickler-Becker und Rosi Mittermaier auch nur zwei Frauen in der Hall of Fame.

Die Masse sind nun mal Männer. Außerdem wird die Hall of Fame wachsen und da werden Frauen dazu kommen. Ulrike Meyfarth und Franziska van Almsick wären für mich Kandidatinnen.

Mit van Almsick wäre auch eine weitere ostdeutsche Athletin dabei. Im Moment sind Sie der einzige ehemalige DDR-Sportler in der Hall of Fame, bedauern Sie das?

Das auf jeden Fall. Die DDR hat einige große Athletinnen und Athleten hervorgebracht, allerdings sind die der Jury, die die Sportler ausgewählt hat, nicht so bekannt. Aber sicher ist es auch eine politisch gedrehte Situation.

Wie meinen Sie das?

Seit Anfang der 90er Jahre wird der DDR-Sport systematisch an den Pranger gestellt, weil auch viele Journalisten glauben, dass alle Erfolge im Osten nur mit unsauberen Mitteln erreicht worden sind. So ein Pharisäertum kotzt mich an.

Aber dass es Doping gab, bestreiten Sie nicht?

Natürlich nicht, aber nicht alles ist mit Doping zustande gekommen. Außerdem wurde vermutlich auch im Westen gedopt. Viele wurden damit in Verbindung gebracht, ohne dass sie davon wussten.

Wie war es denn bei Ihnen?

Ich hatte das Glück, in einem kleinen Zivilklub bei Erfurt zu sein und nicht in einem der Polizei- oder Militärvereine, wo man mit Doping in Berührung kam. Wir mussten hart arbeiten. Acht bis zehn Stunden Training pro Tag und dazu noch mein Studium.

Heute ist das Thema Doping omnipräsent. Sind das für Sie noch Einzelfälle?

Im Radsport sicher nicht. Es sind auch sonst keine Zufälle, aber die Frage ist, wie man mit diesen Dopingfällen umgeht. Vor allem das IOC muss sich das fragen. Im Moment herrscht auf Seiten der Funktionäre gähnende Leere, sie denken sich ihren Teil zwar, aber tatsächlich schauen sie nur apathisch zu und tun nichts. Das ist eine Veräppelung der Menschheit.

Das Gespräch führte Christian Tretbar

Roland Matthes, 57, gewann zwischen 1968 und 1976 acht olympische Schwimm-Medaillen, davon viermal Gold. Matthes ist siebenfacher DDR-Sportler des Jahres gewesen.

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