Interview : Hitzlsperger: "Ich bin nicht Trainers Liebling"

Mittelfeldspieler Thomas Hitzlsperger spricht vor dem Spiel gegen Wales über den Konkurrenzkampf und seine neue Rolle im Nationalteam.

Hitzlsperger
Thomas Hitzlsperger, 26, wurde in München geboren. Nach der Jugend beim FC Bayern ging er 2000 nach England zu Aston Villa. 2005...Foto: dpa

Herr Hitzlsperger, stehen Sie gegen Wales wieder in der Startelf?

Da werden wir mal schauen, wie sich der Trainer entscheidet, bislang hat er noch nichts gesagt. Ich weiß es nicht.

Was sagt Ihnen denn Ihr Gefühl?

Ich habe weder ein gutes noch ein schlechtes. Alles ist offen, genauso wie vor dem Russlandspiel. Die Konkurrenz ist sehr groß bei uns im Mittelfeld.

Das Zusammenspiel mit Michael Ballack hat ganz gut geklappt. Warum sind Sie so bescheiden?

Ich bin ganz zufrieden, wie es gelaufen ist. Aber ob man jetzt daraus ableiten kann, dass es automatisch so bleibt – ich weiß nicht. Der Michael ist jetzt auch angeschlagen, es ist nicht sicher, ob er spielen kann.

Es war Ihr 42. Länderspiel, aber es war das erste Mal, dass Sie den Vorzug erhielten, obwohl alle anderen Spieler für diese Position einsatzbereit waren – auch Torsten Frings. War es das jetzt?

Nein, das glaube ich eben nicht. Ich bin jetzt zwar auch schon länger dabei, habe eine ganze Menge Länderspiele gemacht, aber das eine Spiel hat jetzt nicht alles verändert. Die Situation ist über die Jahre gewachsen. Anfangs hatte ich es schwer, meinen Platz in der Nationalmannschaft zu finden, aber ich habe mich weiterentwickelt und meinen Platz gefunden.

Was außer Ihrem Alter spricht im Vergleich zu Frings für Sie?

Dass ich am Samstag von Beginn an gespielt habe, ist ja schon mal eine gute Ansage des Trainers. Und darum geht es auch. Dass er mich gut einschätzen kann. Meine Stärke ist es, saubere Pässe in die Spitze zu spielen. Das ist dem Trainer sehr wichtig.

Sie stehen in direkter Konkurrenz zu Ballack und Frings, den Führungsspielern des Teams. Sie müssen sich mit dem Machtzentrum anlegen. Das macht es nicht gerade leicht für Sie.

Im Gegenteil, ich sehe es als Vorteil, weil es mich anspornt, noch mehr Leistung zu bringen. Ich nehme es nicht als gegeben hin, wenn ich spiele, nach dem Motto: Ich spiele sowieso, ich brauch nicht mehr viel zu machen. Wenn ich hier einen Tag nachlasse, sinken meine Chancen.

Spieler Ihrer Generation wie Lahm, Mertesacker, Podolski oder Schweinsteiger sind im Nationalteam längst Stammspieler. Um diesen Status kämpfen Sie noch.

Meine Konkurrenten sind ja nicht irgendwelche Spieler. Michael Ballack und Torsten Frings besetzen diese Positionen seit Jahren, und sie haben sie hervorragend ausgefüllt. Trotzdem möchte ich spielen. Ich kann doch nicht sagen: Na, die beiden sind so gut, da brauche ich es erst gar nicht zu versuchen. Es treibt mich an. Ich möchte mich an diesen Spielern messen. Mir ist es am Samstag gelungen, den Vorzug vor Torsten zu bekommen. Aber es wird nicht so bleiben, wenn ich jetzt denke, dass ich ihn verdrängt hätte.

Sie könnten im zentralen Mittelfeld sowohl auf der Ballack- als auch auf der Frings-Position spielen. Haben Sie eine heimliche Vorliebe?

So, wie ich es am Samstag gespielt habe, so kann ich es mir vorstellen. Da fühle ich mich wohl. Durch die verschärfte Konkurrenz wird es häufiger Wechsel geben. Michael Ballack war lange verletzt, Torsten Frings war immer mal wieder angeschlagen. Jetzt gibt es fünf Spieler, die für die beiden Plätze im zentralen Mittelfeld in Frage kommen.

Was bedeutet das?

Der Bundestrainer kann vor jedem Länderspiel entscheiden: Wer ist gerade gut drauf? Und der, der am besten drauf ist, der spielt. Ich traue das jedem von uns fünf zu.

Wird es solche Platzhirsche wie Ballack und Frings also künftig nicht mehr geben?

Ich will das nicht ausschließen, aber es besteht die Möglichkeit, dass sich das ändert, dass es nicht mehr die 11 oder 14 Spieler gibt, von denen man sagt: Das ist jetzt die Stammelf. Das Wort Stammspieler gibt es eigentlich nicht mehr, und auf mich trifft es auch nicht zu. Man muss ständig kämpfen, wieder in der Mannschaft zu sein. Das ist doch positiv, weil man sich gegenseitig hochzieht.

Das gilt für alle Positionen im Team?

Michael Ballack ist vielleicht die Ausnahme. Er ist der Kapitän, derjenige, der vorangeht. Man hat gegen Russland gesehen, dass er ein hervorragender Spieler ist, er hat wieder ein Tor erzielt. Trotzdem konnten wir es auffangen, wenn er mal ausgefallen ist. Das würde auch gegen Wales so sein. Wir haben hier viele gute Spieler, aber Michael eins zu eins zu ersetzen, das geht nicht. Seinen Spielertyp haben wir nicht. Wir haben dafür Spieler mit anderen Qualitäten.

Könnten Sie sich vorstellen, dass der Bundestrainer gegen Wales eher auf Frings setzt, weil er gegen ein kampfstarkes Team auf einen kampfstarken Spieler setzt?

Ich kenne die Aufstellung noch nicht. Wenn es so wäre, müsste ich das natürlich akzeptieren. Ich befasse mich aber nicht damit, wie ich reagiere, wenn ich nicht spiele und Torsten Frings den Vorzug bekommt.

Sie würden nicht abreisen?

Was denken Sie!

Gegen Wales kann man ohnehin nicht so glänzen.

Doch, da kann man auch glänzen. Man kann in jedem Spiel glänzen. Das hat nichts mit dem Gegner zu tun, sondern mit der eigenen Bereitschaft. Es ist sicherlich schwer, weil die Waliser sehr defensiv spielen, gut verteidigen, weil sie eine typisch britische Art haben.

Es ist kein Geheimnis, dass Joachim Löw Sie sehr schätzt. Kann das auch ein Nachteil sein, als Trainers Liebling zu gelten?

Ich glaube nicht, dass ich des Trainers Liebling bin, auch wenn ich weiß, dass er mich des Öfteren gelobt hat. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, es bringt was, weiter zu kämpfen, weiter dran zu arbeiten, besser zu werden, weil der Trainer das genau beobachtet. Aber Liebling – das würde zu weit gehen. Joachim Löw hat auch sehr positiv über Torsten Frings gesprochen, das ist auch legitim.

Ist es vielleicht sogar Ihre individuelle Klasse, die Vorgaben des Trainers zu antizipieren und sie optimal umzusetzen, im Training und letztlich auch im Spiel?

Ich habe keine hellseherischen Fähigkeiten, ich habe einfach zugehört, was der Bundestrainer wollte. Ich wusste, was zu tun ist. Das habe ich in jeder Trainingseinheit versucht umzusetzen, und am Ende ging es gut aus für mich.

Trotzdem: Wenn man Ihre Karriere betrachtet, hat man den Eindruck, dass ein sehr klarer Plan dahinter steckt. Was ist denn jetzt der nächste Schritt?

Das eigentliche Ziel, das, was über allem steht, ist dieses ständige Verbessern, auch wenn die Verbesserungen nicht immer messbar sind. Das betrifft alle Bereiche. Beim VfB Stuttgart bin ich nach der EM zum Kapitän ernannt worden. Das hat jetzt nicht direkt was mit meinem Spiel zu tun, aber es ist eine Anerkennung für meine Persönlichkeit. Das freut mich.

Mussten Sie sich an diese Rolle als Wortführer erst gewöhnen?

Ein bisschen, ja, der Trainer hat von mir auch schon einen anderen Ton innerhalb der Mannschaft verlangt. Daran arbeite ich. Aber ich will nicht nur ein guter Kapitän sein, ich will ein besserer Spieler werden.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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