Interview : Pal Dardai: „In Karlsruhe wird es wehtun“

Pal Dardai spricht im Tagesspiegel-Interview über das Ende einer erfolgreichen Saison mit Hertha BSC, die Champions League und die Verhandlungen über seinen neuen Vertrag.

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt
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Pal Dardai.Foto: ddp

Herr Dardai, seit mehr als zwölf Jahren spielen Sie für Hertha BSC. War diese Saison Ihre bisher schönste?



Ich persönlich habe schon bessere erlebt. Unter Huub Stevens habe ich mal in einer Saison vier Tore geschossen, als defensiver Mittelfeldspieler. Da habe ich auf einem sehr hohen Niveau gespielt, allerdings sind wir mit der Mannschaft ein bisschen weiter hinten gelandet.

Und das, was Sie in den vergangenen Wochen erlebt haben: der Traum von der Meisterschaft, die Begeisterung in der Stadt?

Etwas Schöneres haben wir bisher nicht erlebt. Bei den letzten fünf Heimspielen war die Hütte immer voll. 71 000 Zuschauer gegen Bochum – das hat es noch nie gegeben. Auch in der Stadt war alles anders. Ich habe immer gedacht, man könnte hier gut in der Masse abtauchen, die Leute kennen mich gar nicht, aber in den letzten Wochen bin ich überall angesprochen worden.

Haben Sie das genossen?

Wenn wir in Karlsruhe gewinnen und Zweiter oder Dritter werden, dann können wir den Sommer genießen, weil wir überall gefeiert werden. Jetzt ist es schön, Herthaner zu sein, alle loben uns. Aber in schlechten Zeiten musst du stark bleiben, gute Leistungen zeigen und keinen Blödsinn erzählen.

Steckt in der Mannschaft genug Spannung nach der Enttäuschung gegen Schalke?

Am Anfang der Woche war es schwer. Da hast du im Training gemerkt, dass viele den Kopf haben hängen lassen. Aber am Mittwoch haben wir richtig aggressiv trainiert. Das ist gut, damit wir in Karlsruhe nicht überrascht werden. Wir müssen uns da auf ein Kampfspiel einstellen. In Karlsruhe wird es wehtun. Der KSC wird richtig beißen. Aber wir werden das Letzte geben, auch die Spieler, die vielleicht unzufrieden sind oder den Verein verlassen. Sportlich ist das ein großes Ding.

Wofür spielt die Mannschaft: fürs eigene Ego oder für die Zukunft des Vereins?

Wir hören die ganze Woche: Es geht um die Zukunft des Vereins, es geht um dies, es geht um das. Das müssen wir ausblenden. Wir müssen uns nur auf dieses Spiel konzentrieren. Du brauchst den Killerinstinkt. Du musst dir sagen: Die drei Punkte, die will ich haben. Dafür musst du 90 Minuten alles geben. Wenn es dann trotzdem nicht klappt, wird dir niemand einen Vorwurf machen.

Sie sind der letzte Spieler, der für Hertha in der Champions League gespielt hat. Gibt es einen Gegner, gegen den Sie gerne noch einmal antreten würden?

Beim letzten Mal habe ich mich im Spiel gegen den AC Mailand am Sprunggelenk verletzt, dadurch habe ich die Zwischenrunde verpasst und damit auch das Spiel gegen Barcelona. Das wäre noch mal was. Damals habe ich als Kokommentator fürs ungarische Fernsehen gearbeitet. Nach 20 Minuten hat es sich ausgeblendet und zu einem anderen Spiel umgeschaltet, weil wegen des Nebels nichts zu sehen war.

Wann haben Sie gespürt, dass diese Saison für Hertha eine besondere werden kann?

Nach dem Spiel gegen Stuttgart in der Hinrunde. Stuttgart hat eine gute Mannschaft, aber so wie wir da aufgetreten sind, haben wir das Spiel fast automatisch gewonnen. Jeder ist gelaufen, jeder hat gekämpft. Wir haben die Zweikämpfe gewonnen, und das Publikum hat auch gut mitgearbeitet. So war es lange nicht mehr bei Hertha. In diesem Spiel habe ich gespürt: Hier passiert was. Damals hat noch keiner was geahnt. Ich war der Erste.

Das heißt, die Mannschaft ist selbst ein bisschen von ihrem Erfolg überrascht worden?

Das kann man sagen. Über Hertha hat doch niemand mehr mit großem Respekt gesprochen. Aber der Trainer hat die Karten so gemischt, dass die Mannschaft funktioniert. Der Erfolg liegt im Teamgeist begründet. Ich habe das noch bei keinem Trainer erlebt, dass der Stamm, die ersten elf, zwölf, dreizehn Spieler, zusammen so stark waren. Das ist wahrscheinlich das, was Lucien Favre auszeichnet: dass er aus jedem Spieler das Beste rausholt.

Sie sind jetzt 33, haben Sie trotzdem noch etwas von Favre gelernt?

Natürlich. Spielkultur, System, Taktik, Trainingssteuerung. Ich will so viel wie möglich lernen. Ich versuche, von jedem Trainer die Stärken im Kopf abzuspeichern, vielleicht kann ich das später noch einmal brauchen.

Was macht Favre besonders gut?

Er ist ein Trainer, der nicht vergessen hat, dass er selbst Spieler war. Wenn du mal schlecht gespielt hast, fliegst du bei ihm nicht sofort aus der Mannschaft. Man darf sich auf dem Platz auch mal einen Fehler erlauben. Das macht er gut. Er hat auch einige Machtkämpfe gewonnen, mit Marko Pantelic zum Beispiel. Er hat eine klare Linie, die er durchzieht. Das ist seine Stärke.

Womit haben Sie Favre überzeugt?

Indem ich immer gute Leistungen bringe. Bei mir gibt es keine extremen Schwankungen, am einen Tag wunderschön, am nächsten grottenschlecht. Jeder Trainer weiß, was er von mir bekommt: ein gutes Niveau. Und früher oder später habe ich immer gespielt. Die schwerste Zeit hatte ich unter Falko Götz, da saß ich neun Monate auf der Bank; am leichtesten war es bei Hans Meyer. Bei ihm habe ich sofort gespielt.

Und Sie sind sicher, dass Sie auch in der neuen Saison noch für Hertha spielen?

Im Moment wäre ich ablösefrei zu haben, aber ich bin mit Hertha im Gespräch. Es gibt also keinen Grund zu klagen. Ich habe einen Plan A, einen Plan B, einen Plan C, und wenn es sein muss, hätte ich auch noch einen Plan D. Ich werde auf jeden Fall noch ein paar Jahre Fußball spielen. Und ich bleibe ein glücklicher Mensch.

Sind Sie nicht sauer, dass Hertha Sie so lange im Ungewissen lässt?

Nein, das ist kein Problem. Sie müssen die Situation verstehen. Bei 25 Spielen hätte sich mein Vertrag automatisch verlängert. Das schaffe ich nicht, es werden höchstens 24. Als das klar war, haben wir Kontakt aufgenommen. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass es so gekommen ist: Mit 33 sollte man sich schon mal damit beschäftigen, was nach der Karriere als Fußballer kommt. Das tue ich jetzt.

Könnten Sie sich vorstellen, wie Andreas Schmidt für Herthas U 23 zu spielen und bei Bedarf bei den Profis einzuspringen?

Glauben Sie wirklich, dass ich nach einer solchen Saison zur U 23 müsste? Habe ich so schlecht gespielt? Dann haben Sie keine Ahnung vom Fußball. Oder halten Sie mich für zu alt? Soll ich als Profi aufhören, nur weil ich 33 bin? Wenn ich spüre, dass es bei mir nicht mehr reicht, bin ich der Erste, der sagt: Jungs, ich packe meine Sachen und gehe zur U 23. Aber ich sehe keinen, der meine Position im defensiven Mittelfeld besser spielen könnte. Und um meine Einstellung müssen Sie sich auch keine Sorgen machen.

Tun wir auch nicht.

Nächstes Jahr ist WM, und zum ersten Mal seit 20 Jahren hat Ungarn eine realistische Chance, sich zu qualifizieren. Glauben Sie, da lasse ich mich hängen? Nein, ich spiele einfach gerne Fußball. Solange ich mich bewegen kann, werde ich Fußball spielen. Der Ball rollt, im schlimmsten Fall mit meinen Söhnen im Garten.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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