Interview : Van Almsick: "Ein Ganzkörperkondom darf es nie geben"

Franziska van Almsick spricht vor der Schwimm-WM über schnelle High-Tech-Anzüge, deutsche Vorbilder im Wasser und ihre neue Heimat Heidelberg.

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Neue Rolle. Franziska van Almsick im Interview mit Britta Steffen.Foto: Camera4

Frau van Almsick, gehen Sie eigentlich manchmal ins Freibad?

Ja, aber bevor es offiziell geöffnet ist. Ich habe einen guten Draht zum Heidelberger Bäderamt. Die lassen mich schon mal früher rein. Aber im Hochsommer öffnen sie schon um acht Uhr; da müsste ich also um 6 Uhr vor dem Schwimmbad stehen.

Macht Ihnen denn tagsüber niemand eine Bahn frei?

Wenn ich morgens schwimmen will, ist das eine Katastrophe. Da hat jeder Rentner seine Bahn und schwimmt auf der schon seit 20 Jahren. Das ist extrem, da will ich mich nicht reindrängen. Für mich gibt es mittlerweile andere Dinge.

Ihren Sohn Don Hugo zum Beispiel. Nehmen Sie ihn schon mit ins Bad?

Mit dem gehe ich eigentlich eher im Urlaub ins Wasser.

Sie haben ein Kinderbuch geschrieben mit dem Titel „Paul Plantschnase am Meer“. Können die Kinder schon bald mit einer Fortsetzung rechnen?

Da bin ich tatsächlich dran. Ich habe viele Ideen und bin gerade dabei, ein neues Buch zu entwickeln. Zum Jahresende soll es fertig sein.

Beruflich sehen Sie sich nicht als Autorin. Als was sehen Sie sich denn?

Wenn ich Anträge ausfüllen muss, in denen man seinen Beruf angeben muss, komme ich ins Schleudern. Dann sitze ich immer da und frage mich: Was ist eigentlich mein Beruf? Ich habe viele verschiedene Projekte und Termine. Jetzt kommt die Schwimm-WM in Rom, da bin ich als Expertin für die ARD im Einsatz. Dann rückt wieder eine Woche mein Kind in den Mittelpunkt, danach schreibe ich wieder am Buch und irgendwann bin ich dann für die Sporthilfe unterwegs.

Hegen Sie etwa auch Ambitionen auf ein Amt im Deutschen Schwimmverband?

Nein.

Das ist ausgeschlossen?

Ich bin immer noch von ganzem Herzen Sportlerin. Ich tue alles für den Schwimmsport, was in meiner Macht steht. Aber einen Job als Funktionärin würde ich im Leben nicht annehmen.

Ihr Lebensmittelpunkt ist jetzt das beschauliche Heidelberg. War der Abschied aus Berlin schwer für Sie?

Wenn man eine Stadt verlässt, in der man 26 Jahre gelebt hat, ist ein Weggang immer schwierig. Ich habe mir in Heidelberg aber einen tollen Freundeskreis aufgebaut und fühle mich sehr wohl.

Aber Berlin wird die Stadt Ihres Herzens bleiben?

Ich bin jetzt in Heidelberg zu Hause. Mein Sohn ist hier geboren, meine Familie lebt hier, das ist meine Heimat. Ich freue mich immer wieder, wenn ich von Reisen zurückkomme und in diese wunderschöne Stadt hineinfahre. Aber natürlich bin ich Berlinerin und werde es auch immer bleiben.

Zuletzt waren Sie mal wieder in Berlin zu Besuch. Welche Erkenntnisse haben Sie von den deutschen Schwimm-Meisterschaften mitgenommen?

Ich glaube, dass eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Alle, die mit dem Schwimmsport zu tun haben, müssen umdenken. Man kann Zeiten nicht mehr vergleichen, man kann Schwimmstile nicht mehr vergleichen. Mir ist aufgefallen: Die Techniker, bei denen es richtig gut aussieht, gibt es eigentlich gar nicht mehr. Der Schwimmstil hat sich allgemein angepasst, sicherlich auch wegen der Anzüge. Alle liegen jetzt oben auf dem Wasser, ein Unterschied ist kaum noch zu erkennen.

Sie haben die High-Tech-Anzüge angesprochen. Wie bewerten Sie die rasante Entwicklung und die vielen Rekorde, die damit einhergehen?

Ich denke, das ist der Lauf der Dinge. Gott sei Dank tritt der Schwimmsport nicht auf der Stelle. In allen Sportarten, in der Medizin, ja im ganzen Leben gibt es Fortschritte. Alles verändert sich. In den 60er-Jahren sind die Frauen noch mit Röckchen geschwommen. Da hätte ich mich bedankt und wäre wieder gegangen. Warum sollten wir im Schwimmen stehen bleiben und wieder in Badehose und Badeanzug an den Start gehen?

Weil nur noch die Badehose und der Badeanzug Chancengleichheit garantieren.

Wichtig ist, dass die Verhältnisse fair bleiben. Wenn es neue Anzüge gibt, müssen alle die Chance haben, sie zu bekommen. Die Regeln muss man jetzt bestimmen. Man muss rechtzeitig darüber reden und nicht erst, wenn wieder neue Topmodelle kommen. Das Ganzkörperkondom, bei dem man nur noch das Gesicht sieht, darf es nie geben. Jeder muss auch in der Lage sein, den Anzug seiner Wahl zu haben. Der darf also nicht 1500 Dollar kosten.

Können Sie verstehen, dass einige Schwimmer am liebsten wieder in der Badehose ins Wasser springen würden?

Es ist für die Schwimmer alles neu und manche sind noch ein wenig erschrocken über das, was gerade passiert. 90 Prozent der Sportler finden es aber riesig, weil sie sensationelle Zeiten schwimmen und sich wohlfühlen. Es ist ja nicht nur der Auftrieb durch das Material, der guttut. Auch die Muskulatur wird besser durchblutet und somit mit mehr Sauerstoff versorgt.

Alle neuen Rekorde werden nun den Anzügen zugeschoben. Das Thema Doping ist durch die Anzüge in den Hintergrund gedrängt worden.

Für die Schwimmer ist das Thema Doping so präsent wie immer. Die Anti-Doping-Agenturen machen immer noch die gleiche Arbeit und kontrollieren mehr denn je. Ich würde nicht sagen, dass der Schwimmsport dopingfrei ist. Aber im Moment ist nichts aufgedeckt, deshalb muss man auch nicht drüber diskutieren.

Sind Paul Biedermann und Britta Steffen die Führungsfiguren, die dem deutschen Schwimmsport lange Zeit gefehlt haben?

Sie sind beide sehr unterschiedlich und eigentlich keine Alphatiere, die vorneweg gehen. Britta Steffen ist ja eher etwas ruhiger, introvertierter. Biedermann ist ein offener, selbstkritischer Typ. Sie sind auf jeden Fall die Frontfiguren, die mit Leistung überzeugen. Eine Zeit lang gab es keine Vorbilder, an denen sich junge Sportler orientieren konnten. Das ist jetzt wieder der Fall. Dank der beiden wird in Deutschland auch wieder über Schwimmen gesprochen, das ist wichtig.

Damit steigt aber der Erwartungsdruck vor den anstehenden Weltmeisterschaften in Rom, oder?

Bei den deutschen Meisterschaften steht man am Start mit acht bekannten Kollegen, es ist familiär. Bei einer WM steht man dann halt neben einem Michael Phelps. Das ist etwas Besonderes und vom Kopf her anders. Auch für einen abgebrühten Paul Biedermann, der ja gerne mal einen Spruch macht und sagt: Das interessiert mich gar nicht.

Trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der WM einige Titel zu?

Ich will nicht zu pessimistisch sein. Wir haben ja dieses Jahr erstmals diese kurze Ausscheidung gewählt. Sonst lag zwischen der Qualifikation und den Titelkämpfen immer noch eine längere Trainingsphase mit neuem Formaufbau. Ich bin meistens sogar noch ins Höhentrainingslager gefahren. Dieses Mal müssen die Sportler vier Wochen ihre Leistungen konservieren. Andere Nationen machen das seit Jahren sehr erfolgreich. Für uns wird es dennoch ein Lernprozess sein. Ich erwarte keine Spitzenleistungen bei der WM. Wenn die Zeiten der deutschen Meisterschaften wiederholt würden, wäre ich schon sehr zufrieden.

Das Gespräch führte Jörg Runde.

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