Island während der EM : Party statt Berufsverkehr

Der isländische Ökonom Konrad Gudjonsson spricht im Interview über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Europameisterschaft.

Thilo Neumann
Voll Troll. Ein isländischer Arbeitnehmer im Nebenjob.
Voll Troll. Ein isländischer Arbeitnehmer im Nebenjob.Foto: Imago

Herr Gudjonsson, Sie haben untersucht, inwieweit sich EM-Teilnahme auf die Wirtschaft in Island auswirkt. Was haben Sie rausgefunden?

Nun, wir konnten im Februar sehen, dass die Kreditkartenabbuchungen sprunghaft anstiegen – zu der Zeit wurden die Tickets von der Uefa ausgegeben. In Island allein wurden EM-Tickets für umgerechnet etwa 1,7 Millionen Euro gekauft, das entspricht 0,1 Prozent unseres Bruttosozialprodukts, also ein Tausendstel der kompletten isländischen Wirtschaftsleistung.

27.000 Isländer sind momentan in Frankreich. Wie ist das Leben für diejenigen, die zu Hause geblieben sind? Arbeitet überhaupt noch jemand?

Erstaunlicherweise, ja (lacht). Aber es stimmt schon, viele haben Urlaub genommen, der Berufsverkehr hat deutlich abgenommen. Den meisten Leuten stehen etwa fünf Wochen Jahresurlaub zu, das reicht ja für die EM.

Wie viele Leute gucken die Spiele?

Alle! Okay, fast alle. Das Portugal-Spiel erreichte knapp 70 Prozent Einschaltquote, hinzukommen ja aber noch die 27.000 Leute in Frankreich, also acht Prozent der Einwohner. Island ist übrigens europaweit das Land mit den meisten Fußballfans, gemessen an der Gesamtbevölkerung.

Wie werden die Spiele geschaut?

Bis vor Kurzem saß einfach jede Familie für sich vor dem Fernseher. Nun schmeißen die Leute plötzlich Partys, in Reykjavik gibt es sogar ein Public Viewing, das beim Portugal-Spiel hoffnungslos überfüllt war. Die Euphorie ist riesig. Jetzt guckt wirklich jeder Fußball, auch diejenigen, die eigentlich keine Ahnung von dem Sport haben.

Inwieweit lenken die Erfolge der Nationalmannschaft von dem politischen Chaos ab, nachdem Premier Sigmundur David Gunnlaugsson im April wegen der Offshore-Affäre zurücktreten musste?

Sehr. Endlich gibt es wieder etwas, über das wir uns als Gemeinschaft zusammen freuen können. Jeder läuft mit einem Lächeln durch die Straßen, der soziale Zusammenhalt ist in den letzten Tagen deutlich gestiegen, so wie es die Deutschen bei der Heim-WM 2006 erlebt haben. Der Langzeiteffekt dürfte gering sein, aber für den Moment hilft es unserem Land enorm – auch, weil viele eine EM-Teilnahme nie für möglich gehalten haben. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind davon geträumt habe, dass Island einmal in meinem Leben bei einem großen Turnier dabei sein würde; jetzt ist es tatsächlich Wirklichkeit geworden. Fantastisch!

Und nach dem 1:1 gegen Portugal stehen die Chancen auf ein Weiterkommen gar nicht schlecht. Wie schlägt sich das Team nun gegen Ungarn?

Wir gewinnen 2:1, ganz klar. Danach gibt es übrigens ein 2:2 gegen Österreich: Sigthorsson macht das Erste, dann wird Eidur Gudjohnsen eingewechselt und schießt in der letzten Minute den Ausgleich. Das reicht für das Achtelfinale.

Soso, Gudjohnsen, der ehemalige Chelsea- und Barcelona-Stürmer. Und nach der EM wird er dann am besten noch zum neuen Premier gewählt?

Im Ernst: Würde er für das Amt kandidieren, hätte er sehr gute Chancen. Er ist eine lebende Legende, bei seinen Toren jubeln die Isländer mehr als bei allen anderen. Das freut mich natürlich, schließlich bin ich ein Verwandter von Eidur. Meine Uroma war eine Schwester seiner Uroma.

Haben Sie noch weitere Verbindungen in die Mannschaft?

Ja, mit Kapitän Aron Gunnarsson bin ich zusammen zur Schule gegangen, wir haben einen gemeinsamen Freundeskreis. Der Mann einer Arbeitskollegin ist der beste Freund von Innenverteidiger Kari Arnason. Meine Mitbewohnerin ist die Cousine von Augsburgs Stürmer Alfred Finnbogason, die beiden kennen sich seit Sandkastentagen. Viele meiner Freunde haben in der Jugend mit Nationalspielern zusammen trainiert. Wir sind so ein kleines Land, da ist die Wahrscheinlichkeit, jemanden aus der Mannschaft zu kennen, einfach sehr groß. Wenn Sie noch Zeit haben, kann ich noch mehr aufzählen…

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