Istaf : Über sich selbst hinaus

Am Sonntag findet das internationale Stadionfest Berlin zum 70. Mal statt. Einer der großen Stars, Jelena Isinbajewa, kämpft mehr gegen den eigenen Weltrekord als gegen ihre Konkurrentinnen.

Friedhard Teuffel

BerlinWenn ihr Wettkampf losgeht, wird Jelena Isinbajewa morgen erst einmal Zuschauerin sein. Eine von 70.000 im Olympiastadion, die sich ansehen, wie die Stabhochspringerinnen anrennen, um für einen Moment stärker zu sein als die Schwerkraft. Nur dass sie einen besonderen Platz zum Zuschauen hat, mitten im Stadion. Das kann eine Stunde so gehen, bei manchen Wettbewerben hat Isinbajewa sogar schon zwei Stunden gewartet, bis die Latte auf einer Höhe lag, für die es sich für sie mitzumachen lohnte. Dann beginnt ein kurzes, aber eindrucksvolles Spektakel. Die Russin macht ein, zwei, manchmal auch drei Sprünge, dann ist die Konkurrenz besiegt und Isinbajewa springt nur noch gegen sich selbst – gegen den Weltrekord.

Inzwischen ist Jelena Isinbajewa so weit oben angekommen, dass sie sogar das Programm der Leichtathletik beeinflussen kann. 10 von 47 Disziplinen der Leichtathletik hat der Internationale Verband für würdig befunden, die Golden League zu bilden, die wichtigste Veranstaltungsserie der Leichtathletik. Stabhochspringen der Frauen wäre niemals aufgenommen worden – wenn nicht Isinbajewa mitspringen würde.

Mangel an Helden

Zurzeit fehlen der Leichtathletik nämlich die besonderen Helden, also Athleten, die in ihrer Disziplin auch ein paar Jahre hintereinander Großes vollbringen. Athleten wie Isinbajewa. Sie ist 2004 Olympiasiegerin geworden, 2005 und vor zwei Wochen noch einmal Weltmeisterin. In der Golden League hat sie genau wie die 400-Meter-Läuferin Sanya Richards aus den Vereinigten Staaten bislang alle fünf Wettbewerbe der Golden League gewonnen, auch den in Brüssel gestern Abend, nach gerade einmal zwei Sprüngen und einer Sieghöhe von 4,80 Meter, ehe sie einmal an 4,90 und zweimal am Weltrekord von 5,02 Meter scheiterte. Mit einem Erfolg am Sonntagnachmittag in Berlin, würden sich Isinbajewa und Richards den Jackpot von einer Million Dollar teilen.

Weil Isinbajewa fast jedes Mal immer gewinnt, gibt es auch die Garantie, dass sie am Ende eines Wettbewerbs immer den Weltrekord verbessern will. Ihr letzter Weltrekord ist nun allerdings schon zwei Jahre alt, das hat die Frage auftauchen lassen, ob es denn nun für sie nicht mehr höher geht. Sie hatte sich sogar extra einen anderen Trainer gesucht, Witali Petrow, der auch ihren männlichen Weltrekord-Kollegen Sergej Bubka trainiert hatte, auch ihm war ein Weltrekord nach dem anderen gelungen, so als wäre das sportliche Planwirtschaft.

In Osaka bei den Weltmeisterschaften vor zwei Wochen war Isinbajewa wieder an 5,02 gescheitert. Gescheitert – das ist inzwischen die Wahrnehmung, weil die Erwartungen an die 25-Jährige so groß sind. „Sie hat sich technisch kaum weiterentwickelt, das hätte man sonst gesehen, sie trainiert doch schon zwei Jahre mit Petrow“, sagt der deutsche Stabhochspringer Tim Lobinger. Aber Isinbajewa hat eine eigene Erklärung: „Um Weltrekord zu springen, brauche ich eine etwas bessere Konkurrenz“, sagte sie, nachdem ihre Mitstreiterinnen wieder einmal früh ausgestiegen waren. Siege allein können sie jedenfalls nicht mehr motivieren. „Wenn du gewinnst, ist es, wie wenn du die ganze Zeit Schokolade bekommst. Immer Schokolade, Schokolade Schokolade. Irgendwann hasst du es.“

Von diesem Hass, vom einsamen Kampf gegen sich selbst sieht das Publikum jedoch wenig. Es sieht eine Athletin, die nicht nur Erfolg hat, sondern auch noch die Körpersprache spricht, die Fernsehkameras und Fotoapparate gleichermaßen anzieht.

Es geht ihr darum, eine "Legende" zu werden

Jelena Isinbajewa hat diese Sprache gleichzeitig mit dem Stabhochspringen gelernt. Wenn sie gewinnt, beginnt ihr Flirt mit dem Publikum. Mal wickelt sie sich in die russische Fahne wie eine Babuschka, ein altes Mütterchen, um sich gleich darauf wieder daraus zu befreien und mit den Augen zu klimpern wie ein kleines Mädchen, das gerade zum ersten Mal in einem fremden Land ist.

Weil ihre Konkurrentinnen sie beim Springen so oft alleine lassen, beschäftigte sich Isinbajewa auch mit anderen Dingen, sie strebt wie Bubka eine Funktionärslaufbahn an, vielleicht sogar im Internationalen Olympischen Komitee. Es geht ihr darum, eine „Legende“ zu werden, das hat sie so gesagt, und dafür will sie sich ein bisschen unvergesslich machen, nicht nur in ihrer Heimat Russland, wo sie in Wolgograd aufgewachsen ist. Sie hat sich dafür auch einen besonderen Manager ausgesucht, den Schweden Daniel Wessfeldt, der seinen Athleten den Schritt von der roten Tartanbahn auf den roten Teppich leichter machen will.Wessfeldt lebt in Monaco, dort lebt auch Isinbajewa für einige Monate im Jahr, wenn sie nicht in Italien trainiert.

Beim Laureus, einer Glitzerveranstaltung wie der Oscar des Sports mit großen Firmen im Hintergrund, landete Isinbajewa im März auf Platz eins und legte auch im Abendkleid einen professionellen Auftritt hin. Eine zweite Anna Kurnikowa will sie jedoch nicht werden, und nicht vor lauter Showterminen den Sport vernachlässigen wie die russische Tennisspielerin. „Viele Mädchen, die 13 oder 14 Jahre alt sind, rufen mir zu: Jelena, ich will auch so werden wie du. Deshalb werde ich sie noch eine Weile glücklich machen“, sagt Isinbajewa. Bis zur WM 2013 möchte sie dabeisein, sie findet in Moskau statt. Vielleicht findet sie bis dahin auch ein wenig mehr Konkurrenz.

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