Sport : Italien - Holland: Wenn sogar Künstler grätschen

Sebastian Arlt

Dem Held des Abends war die Szenerie nicht ganz geheuer. Da stand Francesco Toldo nun im Scheinwerferlicht mit dem Preis für den "Man of the match" in der Hand - und es hatte dem italienischen Torwart fast die Sprache verschlagen. Insgesamt drei Elfmeter hatte der 28-Jährige im Halbfinale gegen Holland gehalten. Einen von Frank de Boer in der ersten Hälfte, später im Elfmeterschießen wiederum den Schuss von de Boer sowie den von Paul Bosvelt. Wie schafft man denn so etwas? "Ich weiß es beim besten Willen nicht, tschüss bis zum Finale." Und schon hatte der italienische Hüne den Pressekonferenzraum wieder verlassen.

Sein Trainer Dino Zoff lächelte ihm milde hinterher. Er konnte Toldo gut verstehen. Wer findet schon in der Stunde dieses Triumphes die richtigen Worte? Torhüter wie Zoff, der einst 112 Länderspiele für Italien bestritt, und sein Nach-Nach-Nach-Nachfolger Toldo jedenfalls nicht. Diese beiden denken genauso. Bei jedem Spieler hatte sich der ewig mürrisch wirkende Zoff, der diesmal sogar einige Male beim Lachen erwischt wurde, nach dem Sieg mit Handschlag bedankt. Nur Francesco Toldo schloss er in seine Arme.

Es sind andere, die nach dem gewonnenen Elfmeterschießen und nachdem sie 86 Minuten lang nur mit zehn Spielern auf dem Feld standen (Zambrotta sah nach 34 Minuten Gelb-Rot) schwelgen. "Ich liebe diese Mannschaft", sagte Marco Delvecchio. "Unser Mannschaftsgeist ist einmalig", ergänzte Abwehrchef Alessandro Nesta. Es war die Zeit der großen Gefühle, die Zeit der Umarmungen und der Freudentränen. Solche Glücksgefühle entwickelt wohl nur derjenige, der schon völlig am Boden schien, der sich aber aufrappelt und gemeinsam gegen sein Schicksal ankämpft. "Uns hat doch keiner eine Chance gegeben", meinte ein völlig aufgelöster Filippo Inzaghi. Die Holländer waren der große Favorit gewesen, doch letztlich scheiterten sie an Toldo ("Ich wusste, das ist heute mein Tag"), dem eigenen Unvermögen und am Abwehrbollwerk der Italiener, die zu Recht viel Lob für ihren schier unglaublichen Einsatz in Unterzahl verdienen. Sogar ein Künstler wie Alessandro del Piero grätschte im Stile eines "Katsche" Schwarzenbeck. Zoff sprach von "Helden, die zu zehnt wieder aufgestanden sind".

Das ist die eine Seite, die andere ist, doch davon wollte bei den Italienern natürlich niemand etwas hören, dass die Squadra azzurra im Halbfinale ihr bisher schwächstes EM-Spiel zeigte. Was zumeist geboten wurde, war Catenaccio uralter destruktiver Prägung. Eine Abwehrmauer, die ihre Aufgabe im Zerstören sieht, ohne dabei den festen Willen zu haben, durch schnelle Konter oder überraschendes Kombinationsspiel zu einem eigenen Torerfolg zu kommen.

Die Kombination aus harter, aber fairer Verteidigung (über 90 Minuten) und zugleich kreativem Spiel nach vorne (immer wieder erfolgreich praktiziert), war das, was Italia 2000 bei der EM so weit hatte kommen lassen. Nur ganz selten ließen die Italiener am Donnerstag in der ArenA aufblitzen, zu was sie in der Offensive fähig sind. Natürlich geht man in Holland nun mit den Italienern am kritischten um. Tenor: Es sei ein Sieg der Fußballverhinderer über diejenigen gewesen, die Fußball gespielt hätten.

"Kritik interessiert nicht, wir stehen am Sonntag im EM-Finale gegen Frankreich, das zählt", meinte Francesco Totti nur. Zum letzten Mal war das 1968 der Fall gewesen, als Italien nach einem 1:1 nach Verlängerung das Wiederholungs-Endspiel am 10. Juni gegen Jugoslawien mit 2:0 gewann. Damals stand Dino Zoff im Tor. Und er hatte ebenso einen grauen Pullover an wie Toldo heute. Nicht nur das hat sich offensichtlich auch in 32 Jahren italienischen Fußballs nicht geändert.

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