Italien-Trainer Giampiero Ventura : Eine Libido wie Peter Neururer

In Italien galt er als Wandervogel, mit 68 Jahren ist er nun an der Spitze angekommen: Giampiero Ventura darf heute die Squadra Azzurra gegen Deutschland trainieren.

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Italiens Nationaltrainer Giampiero Ventura. Foto: dpa
Italiens Nationaltrainer Giampiero Ventura.Foto: dpa

Berlin - Mit der Mode ist es ja so eine Sache in Italien. Als Giampiero Ventura einmal gefragt wurde, warum er nie einen Spitzenklub in der Serie A trainiert hat, fand er folgende Erklärung: „Als ich als Trainer angefangen habe, waren die alten Weisen in Mode. Und heute, wo ich als weise angesehen werden könnte, sind die Jungen angesagt. Das ist Pech.“

Mit 68 Jahren hat Ventura nun sein spätes Glück gefunden: Er darf tatsächlich die italienische Nationalmannschaft trainieren und trifft am Mittwochabend in Mailand auf die deutsche Auswahl (20.45 Uhr/ARD). Als großes Glück empfindet Ventura das nicht. „Es wäre schöner, auf einen weniger starken Gegner zu treffen“, sagte der Nationaltrainer der „Gazzetta dello Sport“. Experimente kann er sich kaum erlauben gegen den Weltmeister. Sonst droht Italien die dritte Niederlage in diesem Jahr, nach dem 1:4 im März in München und dem EM-Aus im Elfmeterschießen im Juli.

23 Trainerstationen in 40 Berufsjahren

Dabei ist Ventura durchaus kein negativer Mensch. Der Genovese mit der hohen Stirn und dem Gemütsbauch gilt als offen und freundlich, aber auch als aufbrausend. Als einer, der selbst im Rentenalter stets braungebrannt ist, das Hemd aufgeknüpft trägt und immer einen Spruch auf den Lippen hat. In Italien nennt man ihn auch „Mister Libido“, weil er einmal bei einer Antrittsrede in Bari gesagt hatte, er habe noch die Libido für den Job. Trotz 23 Trainerstationen in 40 Berufsjahren. Wobei Ventura erst im zarten Alter von 50 Jahren in der Ersten Liga ankam. Den Erfolg holt er offenbar im Alter nach: Als spätes Meisterwerk führte er den FC Turin von der Zweiten Liga in die Europa League.

Dass er die Nationalmannschaft übernehmen durfte, hat dennoch viele Beobachter überrascht. Wie wenn in Deutschland Peter Neururer oder Friedhelm Funkel plötzlich Bundestrainer würden. Anders als seine Vorgänger Antonio Conte, Cesare Prandelli und Marcello Lippi hat Ventura keine großen Meriten vorzuweisen. Doch weil große Namen wie Massimiliano Allegri (Juventus), Carlo Ancelotti (Bayern) und Claudio Ranieri (Leicester) nicht zu haben waren und selbst Roberto Donadoni (Bologna) absagte, durfte der Mann vom Tabellenzwölften Turin im Juli einen Vertrag bis 2018 unterschreiben.

"Ventura beruft junge Spieler, weil wir keine anderen haben"

„Er war die zweite Wahl, aber der Verband wollte ihn, weil er immer gute Ergebnisse mit jungen Spielern erzielt hat“, sagt Fabio Licari, Nationalmannschaftsreporter der „Gazzetta“. Ventura könnte für Italien der richtige Mann zur richtigen Zeit sein. Die Squadra Azzurra befindet sich im lange überfälligen Umbruch. Im Aufgebot gegen Deutschland stehen nur drei Spieler über 30, dafür Talente wie Gianluigi Donnarumma, mit 17 Jahren schon Stammtorwart beim AC Mailand. „Ventura beruft junge Spieler, weil wir keine anderen haben – und weil da eine gute Generation heranwächst“, sagt Reporter Licari. Den Jungen kommt zugute, dass sie ein älterer Signore anleitet, der es gewohnt ist, auf Erfolg zu warten. Und Stars wie Mario Balotelli oder Graziano Pellè auf Berufungen warten lässt. „Mister Libido“ hat Lust auf Neues – nicht nur weil er im Sommer eine 28 Jahre jüngere Frau geehelicht hat. Gegen Deutschland und in der WM-Qualifikationsgruppe mit Spanien dürfen zwar eher die Arrivierten ran. Aber die Mode in Italien geht klar zu den Jungen – angeleitet von einem alten Weisen.

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